"Laß das mit der Anne Frank"

Von Hans Jakob Ginsburg

Bergen, im Juli

Belsener Straße in Bergen, Landkreis Celle – läßt sich eine Adresse vorstellen in Deutschland, die belastender wäre? Eine Anschrift, die ihre Anwohner schleunigst geändert sehen wollen, ließe sich aus der Ferne denken. So ist es eben nicht. Das hat wenig mit lokalpatriotischem Stolz auf die unauffälligen Häuserzeilen am Rand der Kleinstadt zu tun, wenig auch mit grundsätzlicher Abneigung gegen das Umtaufen von Straßennamen, erst recht nichts mit der Absicht, durch den Namen "Belsener Straße" die Erinnerung an das Grauen des Konzentrationslagers Bergen-Belsen zu verewigen.

Die SPD-Opposition im Stadtrat – sie hat neun von einunddreißig Sitzen – hat beantragt, die Straße von Bergen nach Belsen in Anne-Frank-Straße umzutaufen – nach der berühmtesten der vielen KZ-Toten. Das freilich gilt vielen Bergener Bürgern als Nestbeschmutzung – so vielen, daß aus dem Vorschlag nichts werden kann.

Die einen, die Unbelehrbaren, halten die Idee einfach für eine Besudelung von Heimatstadt und Heimatland. Die anderen, die Vorsichtigen, sind in der Mehrheit und bitten um Rücksicht auf die Gefühle der beleidigten Minderheit am rechten Rand. Die betulichen CDU-Mitglieder im Stadtrat schließlich zürnen den Antragstellern, weil sie der kleinen Stadt jene negativen Schlagzeilen einbrächten, für die in Wahrheit nicht der Vorschlag sorgt, sondern gerade seine Ablehnung.

Bergens Kommunalpolitiker und ihre Mitbürger sind Akteure in der Provinz. Sie spielen aber mehr als ein Lokalstück. Unfreiwillig demonstrieren sie die Schwierigkeiten vieler Deutscher, mit ihrer Geschichte fertig zu werden. Und das ist keine Lokalgeschichte mehr.

Wenige Stunden vor der entscheidenden Ratssitzung bekommt der Fraktionsvorsitzende der sozialdemokratischen Opposition unangemeldet Besuch: "Wilhelm, ich muß mit Dir reden, als Bürger." Zwei Männer in den Sechzigern stehen sich gegenüber: der Sozialdemokrat auf Krücken – er hat im Krieg ein Bein verloren –, sein Gast, ebenfalls alter Soldat. Er warnt den SPD-Mann: "Mit Eurem Antrag, da fang’ mal keinen Streit an. Die normalen Bürger, die sind alle gegen die Umbenennung." Ob er denn kein normaler Bürger sei, fragt Wilhelm Hohls, der Sozialdemokrat. Doch, doch, aber: Im Kriegsgefangenenlager, bei den Engländern, will er 1945 einen verfälschten Propagandafilm über das Inferno der KZs gesehen haben – "den haben die Juden gemacht". Dann, nach seiner Rückkehr, hätten Defreite jüdische Häftlinge seine Familie tyrannisiert, das Städtchen Bergen ausgeplündert: "Wilhelm, wir können hier, diese Judenfrage nicht anpacken. Und darum laß das mit der Anne Frank."

"Laß das mit der Anne Frank"

Hohls selber hat für den Antrag gesorgt, der seinen Besucher so aufregt. Vor seiner Pensionierung war er aktiver Gewerkschaftler. Und immer wieder betreute er Gruppen von Gewerkschaftskollegen aus Israel, die in Bergen-Belsen versuchten, das Grauen des Lagers zu verstehen. Konnte Hohls ihnen ein gewandeltes, ein gutes Deutschland vorführen? Gewiß: Da war das weite Gelände des ehemaligen Lagers mit Mahnmalen und der kleinen Dauerausstellung. Da war aber auch die Stadt Bergen, in der nichts außer Wegweisern auf die Mordstätte in der Nachbarschaft hinwies. Darum begann Wilhelm Hohls, für die Ehrung des Namens Anne Frank zu streiten.

"Ich höre und fühle das Leid von Millionen. Und doch, wenn ich in den Himmel blicke, dann denke ich, daß alles sich zum Guten wenden wird, daß auch diese Grausamkeit ein Ende haben wird und Ruhe und Frieden in die Welt einkehren werden." Anne Frank, die Fünfzehnjährige, schrieb das in ihr Tagebuch, im Hinterhausversteck in der Amsterdamer Prinsengracht, wenige Monate bevor sie verraten, deportiert und zu Tode gequält wurde. Ronald Reagan zitierte die Tagebuchpassage, als er im Mai in Bergen-Belsen auftrat. Und mit dem amerikanischen Präsidenten als prominenten Zeugen stellten die Sozialdemokraten in Bergen ihren Antrag.

Ihre Stadt aber will sich nicht richtig und genau erinnern. Das beginnt an den Ortseingängen, wo große Stadtpläne mit "Stadtinformationen" hinter Plexiglas den Gast belehren, daß die Bergener selber im weiteren Sinne Opfer der Nazis waren: 8363 Hektar "mußten von den ehemaligen Gemeinden aus dem Bereich Bergen abgetreten werden" – 1935 für den großen Truppenübungsplatz um Bergen-Hohne, der heute "Arbeitsmöglichkeiten für die hier ansässigen Arbeitnehmer und Gewerbetreibenden bietet". Bergen lebt vom Militär, von den britischen und holländischen Nato-Truppen, die mit ihren Angehörigen fast ein Drittel der achtzehntausend Einwohner bilden. Mit den Engländern, heißt es überall, komme man ganz gut aus, mit den Holländern glänzend. Aber eine Straße nach der holländischen Jüdin Anne Frank zu benennen? Das gehe denn doch zu weit. Die katholische Kirche heißt "Sühnekirche vom kostbaren Blut". Das muß genügen, sagt der "normale Bürger".

Normal ist in Bergen nicht nur der polternde Antisemit, der Wilhelm Hohls in seinem Arbeitszimmer überfällt. Normal ist auch Günther Ernst, 53 Jahre alt und Alleinproduzent des wöchentlichen Anzeigenblatts Stadt-Anzeiger, das er im Verbund mit dem Verlag der stramm rechten Celleschen Zeitung herausgibt. Ernst verbindet Selbstbewußtsein mit. einem scheinbar bescheidenen Versteckspiel: "Ich bin kein Wortführer. Wenn der Bürger Anliegen hat, greife ich sie auf und vertrete sie." Er meint seine Leserbriefschreiber. Aus den Einsendungen an den Stadt-Anzeiger ist zu erfahren, warum Hitler an die Macht gekommen sei (Versailles und die Kommunistengefahr), was man in Bergen von den Zuständen im Lager wußte (nichts wußte man; außerdem war es auch nicht so schlimm) und was die wirklich schrecklichen Ereignisse vor 40 Jahren waren (die Racheakte der befreiten Häftlinge an unschuldigen Deutschen). Günther Ernst ist allerdings nicht nur "Sprachrohr", sondern auch CDU-Ratsherr. In dieser Eigenschaft hat er dafür gesorgt, daß die Mehrheitsfraktion im Stadtrat dem sozialdemokratischen Antrag ein parlamentarisches Begräbnis bereitete.

Zudem ist Günther Ernst ebenfalls Opfer, betont er im Gespräch. "Die Leute hier, die sträuben sich gegen die Anne-Frank-Straße. Die haben schon das gleiche Schuldgefühl wie damals ein KZ-Insasse." Wie bitte? Was für ein Schuldgefühl hatten denn die KZ-Insassen? "Das habe ich falsch gesagt. Ich meine, sie werden so bestraft wie im KZ." Also: Die Adresse "3103 Bergen" zu haben, ist ähnlich schlimm, wie der Besitz des gelben Sterns im SS-Staat? Die Beweise des Ratsherrn sind lächerlich: Ein Bus aus Bergen wurde in England mit einem Hakenkreuz beschmiert; ein Holländer grüßte neulich in Bergen einen Deutschen mit "Heil Hitler" – und weil das alles so ist, darf die Belsener Straße nicht Anne-Frank-Straße heißen. Das haben die Leser von Günther Ernst in einer Umfrage mit haushoher Mehrheit beschlossen (über fünfhundert gegen 24 Stimmen), auch sonst soll nach Volkes Stimme nichts in Bergen an das ermordete Mädchen erinnern (430 gegen gut hundert Stimmen).

CDU-Bürgermeister Wegner versucht sich in der Ratssitzung als Tiefenpsychologe: "Wie man immer wieder hört und auch völlig verständlich, hat sich bei Menschen, die längere Zeit in einem Konzentrationslager eingeschlossen waren, ein Trauma gebildet. Sie werden jene Bilder nicht oder nur sehr schwer los. Ein ähnliches Trauma besteht aber offensichtlich auch bei Teilen der Bevölkerung in Bergen, die das Ende des letzten Krieges und insbesondere die Befreiung des Lagers Bergen-Belsen und die Wochen danach haben miterleben müssen." Der Bürgermeister spricht ausdrücklich von Mitleid und meint politische Rücksicht.

Der deutschnationale Widerstand gegen die Ehrung Anne Franks wiegt schwer in dem Garnisonsstädtchen; dagegen wirkt jedoch die Sorge um das Ansehen der Gemeinde. Die evangelische Kirche am Ort schlägt einen Kompromiß vor, den der Bürgermeister und die Opposition sogleich aufgriffen: Nach Anne Frank soll eine neue, bislang namenlose Schule benannt werden. Das scheint die Lösung: Einstimmig, bei einer Enthaltung, beschließt der Rat, daß sein Verwaltungsausschuß nach einem geeigneten Ort für die Ehrung Anne Franks sorgen soll. Eine Schule nach der KZ-Toten zu benennen, da kommen Günther Ernst natürlich Bedenken: Kinder machen doch Lärm – wie kann man bei solchem Krach der Toten gedenken? Das wäre fast so schwierig wie an der Ausfallstraße: "Dieses arme Mädchen muß eine Gedenkstätte der Ruhe haben und der Erinnerung. Sie können hier nicht die Belsener Straße nehmen, wo Panzer durchrollen."

Tatsächlich läßt sich der Toten besser dort gedenken, wo es still ist: auf dem Gelände des Lagers, wo Zehntausende sowjetischer Kriegsgefangener und an die fünfzigtausend Juden begraben Gegen. Zwischen den großen Mahnmalen erinnern hebräische und deutsche Grabsteine nur an einige der Toten. Wer war Martin Neftel, 1874 in Schlesien geboren, vor der Deportation Professor im griechischen Saloniki? Wer war Rahel, die Tochter von Menahem Eisenberg? Vor ihren Grabsteinen stehen ratlos und traurig dreizehnjährige Kinder, eine Schulklasse. Würden sie verstehen, warum die Straße, auf der sie hierher fuhren, nicht nach dem berühmtesten der Opfer heißen soll?