Vor gut dreieinhalb Jahrzehnten, genau am 15. August 1949, wurde in Hamburg ein Buch ausgeliefert, das westdeutsche Verlagsgeschichte machen sollte. Verfasser war ein Journalist namens Kurt W. Marek, der für diese Veröffentlichung seinen Namen in Spiegelverkehrung schrieb: Ceram; das Buch hieß „Götter, Gräber und Gelehrte“. Die Weltauflage des Dauersellers nähert sich inzwischen den drei Millionen, das Buch wurde zu einem Paradefall für die Non-fiction- oder Sachliteratur: gesichert in den Fakten, populär in der Aufbereitung, im Sprachlichen so-

Cerams Riesenerfolg mußte Nachahmer geradezu zwanghaft produzieren; es gibt sie inzwischen. Die einen versuchen, Cerams Maßstäben gerecht zu werden, die anderen betreiben deren Ausverkauf. Wozu denn die vergleichsweise Tolstoischen Sprachanstrengungen Cerams, da es doch das Deutsch der Boulevard-Presse gibt, leicht anzuwenden und leicht zu konsumieren? Diesen zweiten Weg, die zwanghafte Annäherung historischer Themen ans Niveau der Regenbogen-Journale, geht wieder einmal:

Philipp Vandenberg: „Das versunkene Hellas. Die Wiederentdeckung des antiken Griechenland“; C. Bertelsmann Verlag, München 1984; 350 S., 36,– DM.

Der Titel legt es nahe, der Inhalt löst es ein: hier wird einmal mehr die Geschichte des archäologischen Wüterichs Heinrich Schliemann und der durch ihn losgetretenen Buddelwelle in Griechenland erzählt. Besser, auch vollständiger kennt man sie aus Cerams berühmtem Buch.

Vandenbergs epische Künste erschöpfen sich im Anekdotischen. Das liest sich so: „,Matthäikirchstraße!’ sagte der vornehme Herr und bestieg eines der hochrädrigen Gefährte, der Kutscher legte zwei Finger an den Rand des Zylinders, während er die Adresse mit einer kleinen Verbeugung wiederholte.“ Da prätendiert einer, alles ganz genau zu wissen, womit er nur offenbart, daß er wenig weiß, nämlich nichts von Skrupeln wider Gegenstand und Publikum.

Die einzige nennenswerte Information, die ich der Lektüre des Buches verdanke, ist ein Gedicht, das der Historiker Curtius seiner Frau zum 46. Geburtstag schrieb. Es besteht aus acht Strophen zu vier Zeilen und ist herzlich schlecht. Die ersten beiden Verse sind als Eingeständnis von Buchautor Vandenberg an seine Leser zu begreifen: „Hab’ ich heute leere Hände, / Kann ich doch vor Dir besteh’n...“

Rolf Schneider