Von Wolfgang Gehrmann

Das Problem war gelöst, und deshalb wurde es nun mutig beim Namen genannt. „Wenn PCB als Abfall in die Natur gelangen“, so informierte Ende Mai die chemische Industrie per Zeitungsanzeigen in seltener Offenheit das deutsche Publikum, „werden sie nur sehr langsam abgebaut. Dadurch können sie in die Nahrungskette eingehen.“ Doch zur Umweltangst vor den hochgiftigen Chemikalien, die als Bestandteile unbrennbarer Kühl-, Isolier- und Hydraulikflüssigkeiten jahrzehntelang großen technischen Nutzen stifteten, sei kein Grund mehr.

PCB, Polychlorierte Biphenyle, könnten nun ersetzt werden. „Die Industrie“, so wollte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) in seinen Inseraten glauben machen, „hat in eigener Initiative konsequent darauf hingearbeitet.“ Kurz und gut: „Das PCB-Problem ist gelöst.“

Sechs Wochen später ist es wieder da. Plötzlich – der VCI schaltet seine Annoncen in diesen Tagen erneut – will der Anzeigentext von gelösten Problemen nichts mehr wissen. Nun heißt es nur noch vorsichtig-vage: „Das PCB-Problem ist jetzt lösbar.“

Der Rückzieher der forschen Chemiewerber hat seinen ärgerlichen Grund. Allenthalben nämlich provoziert die jüngste Imagekampagne der chemischen Industrie Unmut und Protest. Ob notorische Umweltschützer oder Manager in Kundenbranchen, ob Konkurrenten der Chemie oder ob selbst Chemiker bei Bayer, Hoechst und BASF – ihnen allen gilt, aus unterschiedlichen Motiven, die neueste Goodwill-Werbung der Chemie als Mißgriff.

Woran sich alle stoßen, das ist die verblüffende Offenheit, mit der die Chemieindustrie auf einmal ihre Umweltprobleme zum Gegenstand sympathieheischender Werbung macht. Sechs Jahre lang kannte man’s nur anders: Über dreißig Millionen Mark ließ sich die VCI-Initiative „Geschützter Leben“ ganze Serien bunter Zeitschriftenanzeigen kosten, in denen unter dem Slogan „Chemie ist, wenn ...“ eine schöne Welt aus Plastik, Farben und Kunstfasern gepriesen wurde. Mit schwindendem Erfolg.

Unter dem Eindruck immer neuer Giftskandale – Dioxin und Formaldehyd, Boehringer-Ingelheim und Bhopal – litt das Ansehen der Chemie vor allem in den wichtigen, besser gebildeten und informierten Bevölkerungsgruppen, die sich durch den Reiz bunter Werbebilder kaum beeinflussen lassen. Die neue Kampagne soll das ändern.