Rembrandts "Mann mit dem Goldhelm" und Dürers "Veilchenstrauß" kamen abhanden – (k)ein Grund zum Trauern

Dieser Sommer der Abschreibungen scheint kein Ende nehmen zu wollen. Erst gingen der halbe Tierpark und Botanische Garten von Dürer über Bord: ein "Hirschkäfer", die "Eichhörnchen", das "Kleine Rasenstück", die "Akelei", das "Schöllkraut", die "Himmelsschlüssel" und schließlich auch der vielgeliebte kleine "Veilchenstrauß" wurden abgeschrieben ("In Anbetracht der sich mehrenden Einwände wird man nicht länger umhin können, den ‚Veilchenstrauß‘ von Dürers Namen zu lösen" hieß es in verschränkten Unnachgiebigkeit im Katalog der Albertina-Ausstellung) in Wien. Doch damit nicht genug. Jetzt liefern auch noch die Naturwissenschaftler den Kunsthistorikern Abbruchmunition: mit Hilfe eines Verfahrens, das man schlicht Neutronenaktivierungsanalyse nennt, haben Forscher des Hahn-Meitner-Instituts in Berlin herausgefunden, daß der "Mann mit dem Goldhelm", eines der berühmtesten Werke der Berliner Sammlungen, nicht von Rembrandt ist, nicht von ihm sein kann, wie es in der keinen Widerspruch duldenden Sprache der Lackmuspapiertester heißt.

Nun sind diese Fälle auf den zweiten Blick zwar nicht ganz so spektakulär, wie es auf den ersten aussieht: denn zu Dürers Zeit waren fremde Kopien (inklusive Monogramm) und eigene Repliken ebenso üblich wie der ehrenwerte Versuch, Meisterschaft durch Nachahmung zu erlernen, war die renommierte Werkstatt wichtiger als Originalität um jeden Preis. (Daß diese Usance zu Lasten des einen Mannes mit dem großen Namen ging, hat schon Dürer gemerkt und sich darüber geärgert.) Bei der Rembrandt-Forschung, dem überhaupt größten Schlachtfeld der Zu- und Abschreiber, war der "Mann mit dem Goldhelm" schon länger umstritten. Da haben Reinigung und Restaurierung nur, leider, einen bereits vorhandenen Verdacht bestätigt. Die Trauer der Kunsthistoriker (die Berliner Museumsleute natürlich ausgenommen) hält sich also in Grenzen.

Was eigentlich wird bewirkt durch solche Richtsprüche? Wenig und viel zugleich. Daß der Schätzwert dadurch fällt, ist irrelevant, denn bei uns stehen Museumswerke nicht zum Verkauf, und die frisch Entweihten werden jetzt wohl auch kaum, großer Name hin oder her, im Depot landen. Auch die numerische Reduzierung so umfangreicher Œuvres ist kein wirklicher Verlust, bedeutet nicht, daß die Substanz verändert ist und die Dürer- oder Rembrandt-Forschung völlig neu ansetzen müßte.

Kein Grund also zum Trauern? Ganz so schmerzlos ist es nicht. Kunstwerke sind nämlich nicht in erster Linie für Kunsthistoriker gemacht, sondern für ganz normale Menschen, die, gern in Übereinstimmung mit vielen anderen Menschen, ihre Lieblingsbilder haben und den Abglanz derselben in Form einer Postkarte nach Hause tragen. Und für die ist die Aura, ist das, was Walter Benjamin den Kultwert eines Kunstwerkes nannte, nun einigermaßen lädiert. Die in ihren Ingredienzen so unabwägbare und gerade deshalb so hoch, heilig und teuer gehaltene Symbiose von Name und Werk ist zerstört. War der "Mann mit dem Goldhelm" so populär, weil er ein Meisterwerk ist oder eine Arbeit von Rembrandt? Wie auch immer: Das Kind war untergeschoben. Echt war unecht – wo doch heute jedes Holzofenbrot und jeder Korn sich echt nennt.

Ohne den Schutz und Schirm eines großen Namens müssen der "Veilchenstrauß" und der "Mann mit dem Goldhelm" (in dem manche Rembrandts Bruder vermutet hatten) sich nun als Waisenkinder durchschlagen. Ob sie deshalb weniger geliebt werden? Das Publikum wird sich seine Lieblinge wohl trotz des Wechselbalgstigmas erhalten wollen – zumindest eine Weile. Und weil der Fall ja so interessant ist. Aber die wahre Ehrfurcht ist wohl dahin. Abschreibungen aber sollten vielleicht in Zukunft nur dann erlaubt werden, wenn ihnen die Neuzuschreibungen auf dem Fuße folgen, wenn jene anonymen Meister namhaft gemacht worden sind, die ihr Metier fast so gut konnten wie Rembrandt und Dürer, aber ungerechterweise im Massengrab der Kunstgeschichte liegen. Sonst kommt uns eines Tages noch die "Mona Lisa" abhanden – die man dann endlich, einmal in Muße betrachten könnte.

Petra Kipphoff