Von René Drommert

Mit Kumyß, mit gegorener Stutenmilch, Propaganda gegen Bernkasteler, Zeller, Kröver, Cocnemer, Ürziger, Wehlener Wein? Das inmitten einer der renommiertesten Weingegenden, inmitten des Mosellandes zwischen Trier und Koblenz? Natürlich nicht. Aber man hört dort, wo die Mosel einfallsreich mäandriert, nicht sehen auch Klagen darüber, daß manche Moselkundige wie Mosellaien dieses Stück heimatlicher Erde allzu einseitig unter dem Aspekt „Wein“ sähen. Als ob es nicht vieles andere gebe, was Reisen zur Mosel und einen Urlaubsaufenthalt vollauf lohnte! Dabei ist nicht etwa nur an alte Ortschaften wie beispielsweise Bernkastel mit seinen winkligen Gassen und dem „Spitzenhäuschen“ von 1583 gedacht. Es sind nicht nur Wanderungen bergan zu den Burgen und Ruinen gemeint. In der Werbung für dieses rheinpfälzische Gebiet ist Romantik ein legitimer Begriff, der ja etwas Gefühlvolles bezeichnet, Wunderbares, Phantastisches, Märchenhaftes.

Der Wein wird nicht vergessen, dieser Milchbruder, Kammerdiener, Steigbügelhalter, Paladin und Eilbote der Lebenslust, aber: Die Mosel hat nicht nur Rebensaft zu bieten, sie hat viele Trümpfe „in der Hinterhand“. Das erfährt man zum Beispiel schon in Bernkastel-Kues. Dort lockt vor allem das St. Nikolaus-Hospital, die Gedenkstätte eines Großen des 15. Jahrhunderts, des Gelehrten und Kardinals Nikolaus von Kues (1401 bis 1464). Ein Kernstück seiner Lehre bestand in der Annäherung und Versöhnung von dogmatischen, religiösen Gegensätzen. Er war ein lebensvoller und zugleich argumentenreicher Rebell gegen überall wuchernde „Fachidiotie“. Fährt man von Bernkastel-Kues mit dem Schiff, etwa mit der „Burg Landshut“, nach Cochem-Bad Bertrich, so braucht man nicht gleich von beschwingender Weinlaune, die Miene ein wenig verdüsternd, zur Beflissenheit einer „Bildungsreise“ umzuschalten, um einen amüsanten Besuch im Traben-Trarbacher „Ikonenzentrum“ zu machen. Nicht Originale (wie in Recklinghausen) sind hier zu besichtigen. Aber an Hand von Reproduktionen, Tabellen, statistischem Material wird die Ikone mehr gefeiert als bloß verwaltet. Der imposante Sammlungsleiter, vor rund vier Jahrzehnten aus der Ukraine ausgewandert, ist von verbissener, passionierter Einseitigkeit und zugleich hinreißend, wenn er eine Laudatio auf das ihm anvertraute Kulturgut hält. Er leugnet, daß es in der Ikonenmalerei Schulen, etwa die berühmte Moskauer oder Nowgoroder, gibt, oder auch nur Unterscheidungen nach Jahrhunderten. Ikonen, meint er, hätten mit Kunst nichts zu tun: „Was die Ikone nicht braucht, davon lebt das Kunstwerk.“ Andererseits: „Phantasie ist Leben für alle Künste, und Tod für die Ikone.“ Das ist eine Art Glaubensbekenntnis, darüber zu streiten wäre vielleicht taktlos.

Kürzlich betonte der Bürgermeister von Zell bei einer Begrüßung, der Ort sei „stolz auf Stille und Bescheidenheit“. Wie schön. Großsprecherei scheint schon von jeher nicht zu den Eigenarten der Moselaner zu gehören. Im Bernkasteler Heimatmuseum erfährt man, daß man in früheren Zeiten einen mit besonders gutem Geschirr bestückten, nach Aufmerksamkeit „lugenden“ Schrank „Prahlhans“ genannt habe.

Welch ein Anblick! In den steil ansteigenden Weinbergen, wo harte, durchaus nicht „prahlerische“ Arbeit geleistet wird, sieht man an übermannshohen Stangen befestigte dreieckige Flaggen, rote, gelbe – in früheren Zeiten völlig undenkbar. Das sind Merkzeichen für die Hubschrauber, die sich sehr tief herablassen müssen, um Schädlingsbekämpfungsmittel über die Rebstöcke zu sprühen. Vom Rebstock bis zur Flasche oder zum Faß: saure Arbeit, zuweilen für den Winzer ohne Reingewinn.

Welch ein scheinbarer (oder faktischer?) Widersinn! In einem Obstgeschäft eines Moselstädtchens Weintrauben zum Essen? Allerdings. Aber woher? Von weither, aus Südeuropa, aus Vorderasien, aus Israel vielleicht. Vielleicht haben sie eine Reise von 3000 Kilometern hinter sich. Aber die Trauben vom Moseler Rebstock, möglicherweise nur 300 Meter entfernt, werden nicht „zweckentfremdet“: Die sind für den Wein reserviert.

Nun zum Kumyß, der gelegentlich von einem Hotel für intensive Gesundheitskuren angeboten wird. Nein, er soll das Weintrinken nicht beeinträchtigen. Zwischen Bullay und Trier gab es bis 1968 eine rund hundert Kilometer lange private Bahnstrecke. Auf dieser Strecke gab es dreißig Stationen, die Reise dauerte vier Stunden. Auf den Stationen konnten Weine von den benachbarten Lagen verkostet werden. Viele Reisende übten sich keineswegs in Abstinenz, sie tranken. Die Bahn wurde sinnvoll „Saufbähnchen“ genannt. Hätte man den Trinkern Kumyß angeboten, sie hätten wohl gelacht und, schönen Moselwein zerstäubend, herzhaft geprustet.