China öffnet sich nicht nur nach Westen. Die Reformer in Peking streben bessere Beziehungen auch zur Sowjetunion und den osteuropäischen Staaten an.

Die chinesische Reisediplomatie läuft derzeit auf Hochtouren. Hübsch ausgeglichen steuern Pekings Emissäre dabei Ziele in Ost und West an.

Letzte Woche machte sich Staatspräsident Li Xiannian zum Staatsbesuch nach Kanada und in die Vereinigten Staaten auf den Weg. In Moskau unterschrieb derweil Vizepremier Yao Yilin ein langfristiges sowjetisch-chinesisches Handelsabkommen – Vorbild für einen ebensolchen Vertrag mit der DDR, zu dessen Unterzeichnung der stellvertretende DDR-Ministerratsvorsitzende Gerhard Schürer nach Peking kam.

Ohne Zweifel ist der Westen – finanzstark und technologisch an der Spitze – bei Chinas ehrgeizigem Modernisierungsprogramm der potentere Partner. Doch Pekings Reformer achten auch den Beitrag nicht gering, den die sozialistischen Brüder von ehedem bei der wirtschaftlichen Erneuerung des Riesenreichs leisten können. Eines der beiden Abkommen, die Yao Yilin aus Moskau mitbrachte, sieht vor, daß die Sowjets bei der Modernisierung von siebzehn Betrieben helfen, die mit ihrer Unterstützung in den fünfziger Jahren errichtet wurden.

Mit den sowjetisch-chinesischen Normalisierungsgesprächen vor drei Jahren belebte sich auch der bis dahin stagnierende Warenaustausch. 1984 wuchs der bilaterale Handel um 73,3 Prozent auf 1,2 Milliarden Dollar. In diesem Jahr wird er voraussichtlich auf 1,6 Milliarden ansteigen. Nach dem auf fünf Jahre abgeschlossenen Handelsabkommen soll er sich bis 1990 noch einmal auf 3,5 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln.

Die optimistischen Wirtschaftsprognosen spiegeln eine allmähliche politische Klimaverbesserung zwischen den beiden kommunistischen Giganten wider.

Parteichef Michail Gorbatschow hat wiederholt versichert, er wünsche sich bessere Beziehungen zu Peking. Auch die chinesische Führung gibt sich in jüngster Zeit flexibel. Die drei Haupthindernisse, die aus Pekinger Sicht einer Normalisierung im Wege stehen – die sowjetische Truppenkonzentration an der gemeinsamen Grenze; die sowjetischen Invasionstruppen in Afghanistan und die Unterstützung der vietnamesischen Okkupation Kambodschas durch Moskau – könne man nacheinander anpacken.

Am leichtesten dürfte es den Sowjets fallen, mutmaßte Deng Xiaoping im April, die Vietnamesen zum Rückzug aus Kambodscha zu bewegen. Ihren Stützpunkt in Cam Ranh Bay könnten die Sowjets einstweilen ruhig behalten. Dengs Worte blieben in Moskau nicht ungehört. Der vietnamesische Parteichef Le Duan wurde bei seiner Kremlvisite Anfang Juli ostentativ kühl abgefertigt. Im gemeinsamen Kommuniqué fehlte der Satz, die sino-sowjetische Normalisierung werde nicht zu Lasten Dritter gehen – bisher eine Standardformulierung in den Solidaritätsbekundungen des Kreml für den Klienten in Hanoi. M. N.