Von René Drommert

In New York hatte sich Anfang des Jahres ein Club von russischen Emigranten gebildet, die wöchentlich einmal zusammenkommen. Sie unterscheiden sich sehr von ihren Landsleuten, die jetzt in Paris leben. Die New Yorker Clubmitglieder nämlich sinnen sehnsüchtig darüber nach, wie sie in die Hölle, der sie sich doch vor langer Zeit entronnen wähnten, zurückkehren können. Was ihnen früher so schrecklich schien, übt jetzt starke Anziehungskraft auf sie aus. Sie reichen Gesuche bei der sowjetischen Botschaft ein und wollen, dem Beispiel der Tochter Stalins folgend, wieder zurück in ihre Heimat reisen dürfen. Um die Erlaubnis zu bekommen, müssen sie, wie kürzlich in der Pariser Zeitschrift Actuel zu lesen war, rund 60 000 Mark hinblättern.

Sie haben ganz einfach Sehnsucht nach Verwandten und Freunden in Moskau, in Leningrad oder Kiew, nach vertrauten Augeneindrücken in Stadt und Land. Und nach ihrer vertrauten schönen russischen Sprache.

Bei zahlreichen Begegnungen mit russischen Künstlern in Paris stellte ich fest: Sie sind offenbar das genaue Gegenteil zu ihren Landsleuten in New York. Fragte ich sie, ob sie Sehnsucht nach ihrer Heimat hätten, so verneinten sie die Frage fast immer, wenn ich manchmal auch den Eindruck hatte, sie täuschten sich ein bißchen selbst.

Mein Weg durch die Ateliers russischer Maler in Paris war, wenigstens anfangs, mit Irrtümern verbunden. Ich vermutete zunächst, daß diese Menschen im Exil nicht selten von der Hand in den Mund leben, am Rande lähmender Resignation. Nichts dergleichen. Oder doch nicht durchweg.

Zum Beispiel der Maler Oskar Rabin. Er lebt im Norden der Stadt, nahe der Metro Jules-Joffrin, im 18. Arrondissement. Er ist mit seinem Schicksal rundum zufrieden, und das offensichtlich nicht allein aus Genügsamkeit und Gottergebenheit. Er hat genügend Geld, um Ölfarben (Acryl liebt er nicht), Leinwände, Pinsel, Terpentinöl und Rahmen zu kaufen. Oder auch japanische Photoapparate. Das, was Maler früher mit Blei, Kohle, Feder, Rötel als Gedächtnisstütze skizzierten, Straßenszenen, Landschaften, das wird ja heute oft per Photo „notiert“. Die Kosten, für den Apparat bereiten kein großes Kopfzerbrechen. Urlaub? Natürlich. Im vorigen Jahr fuhr er mit Freunden im gemieteten Auto nach Italien. In diesem Jahr geht es nach Spanien.

Die Wohnung, sagt Rabin, ist etwa ebenso gut wie seine frühere in Moskau. Nur: In Moskau durfte er nicht malen, wie er wollte. Wenn er vom „sozialistischen Realismus“ abwich, was er tat, dann durfte er seine – obwohl immer noch gegenständlichen – Bilder nicht einmal unter der Hand verkaufen.