West-Berlin

Am Donnerstag vor dem letzten Christfest veranstaltete der Berliner Notar Ottomar Domrich noch eine Weihnachtsfeier in seinem Büro, am Freitag stellte er sich der Polizei. Die festliche Stimmung in der Kanzlei war kaum verflogen, als die Staatsanwälte zur Durchsuchung anrückten. Was sie fanden, verdarb Domrichs Mandanten weit mehr als die Festtage: 18 Millionen ihm anvertraute Mark hatte der Notar von seinen Kundenkonten genommen, 4,8 Millionen davon sind bis heute verschwunden.

Der Fußball sei an allem schuld, sagte Domrich jetzt auf der Anklagebank im Berliner Landgericht. Von 1976 bis 1979 war er Präsident des einstigen Renommiervereins Hertha BSC, das Ehrenamt kostete ihn jede Woche 40 Stunden Zeit. Hertha brachte es unter Domrichs Präsidentschaft bis ins Halbfinale des Europacups, aber mit dessen Anwaltskanzlei ging es dabei Dergab.

Es war aber nicht nur der Sport, der den einst korrekten Juristen dazu verführte, Millionen zu veruntreuen. Neben Kanzlei und Präsidentschaft unterhielt Domrich noch die „L & P Grundstücks- und Anlageberatungs GmbH & Co KG“. Sie sollte Wohnheime für polnische Asylbewerber betreiben, aber als der Berliner Senat 1979 die Zuschüsse für die Polen kürzte, mußte Domrich die Häuser mit Verlust verkaufen.

Inzwischen hatte er an die Tür seiner Anwaltspraxis auch das Notariatsschild hängen dürfen – sein Ruf hatte nicht gelitten. Jetzt verwaltete er Millionenbeträge, überwiegend Mandantengeld, das während der Abwicklung von Immobiliengeschäften auf seinen „Anderkonten“ lagerte. Der Versuchung zum Griff in diese reich gefüllten Töpfe konnte Domrich nicht widerstehen, nachdem seine Kanzlei zum Zuschußbetrieb geworden war. Er nahm Geld für Privates und versuchte sich mit dubiosen Auslandsgeschäften zu sanieren.

Vier Jahre lang stopfte Domrich Löcher, indem er an anderer Stelle neue aufriß. An Mandanten, die ihm Geld anvertrauten, war kein Mangel, denn in der Berliner Öffentlichkeit galt er als untadeliger Mann. Er war Schatzmeister der „Fürst-Donnersmarck-Stiftung“ für Behinderte und ließ sich nicht einmal seine Spesen ersetzen.

Das Ende seiner beruflichen Existenz vollzog Domrich als ordentlicher Bürger. Als die Pleite feststand, feierte er noch mit seinen Angestellten Weihnachten, fuhr am nächsten Tag zum Justizsenator und gab seine Zulassung als Anwalt zurück. Dann ging er zur Polizei, zeigte sich selbst an und ließ sich gleich festnehmen. Den Staatsanwälten gab er Hinweise, aus welchen Akten sie sein Sündenregister zusammenstellen könnten.