Der alte Alptraum: daß man plötzlich keinen Schatten mehr hat. In Avignon kann man Peter Schlemihls. Geschichte in einer neuen Version erleben. Man geht, nichts Böses ahnend, über die in der Sonne glühende Straße und hat plötzlich keinen. Schatten mehr – sondern zwei.

Ein unendlich dünner Mensch in langen schwarzen Hosen, mit Clownsnase und Melone, sucht sich einen ahnungslosen Passanten, schleicht lautlos, jede Bewegung des Vor-Gängers virtuos mitvollziehend, hinter seinem Opfer her – kaum eine Handbreit Luft bleibt noch zwischen Mensch und Doppelgänger. Plötzlich spürt der fröhliche Flaneur das Unheil in seinem Rücken, sein Schreck ist heftig, er wendet sich angstvoll um, stößt mit dem Schattenmann zusammen.

Schadenfroh schreit nun das Publikum in den Straßencafes rundherum auf, applaudiert – und jetzt erst begreift man, daß man nicht hinterrücks ermordet werden sollte, sondern daß man ein Schauspieler war, einer von vielen tausend in Avignon. Die Erleichterung ist groß, der Künstlerstolz eher bescheiden – tapfer lächelnd, doch irgendwie beschämt sucht man einen gnädigen Abgang in die Seitengasse.

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In Avignon ist jeder ein Schauspieler, ob er will oder nicht. Denn die Stadt selber ist während ihres Festivals, im heißen Sommer des Vergnügens, ein einziges großes Schauspiel – eine Stadt voller grandioser Kulissen und Bühnen, ein Labyrinth der Auftritte und Abgänge. Was also soll das Theater noch in einer Stadt, die selber das Theater ist? Welcher Kunstwille soll den Inszenierungen des Zufalls standhalten?

1978 bin ich zum erstenmal in Avignon gewesen, zwei flüchtige Tage lang. Draußen vor dem Papst-Palast traten die vagabundierenden Tänzer und Musiker, Rollschuhläufer und Feuerschlucker auf, die Nacht war heiß und laut. Drinnen in der Trutzburg der Päpste, das wußte ich, fand gerade ein Schauspiel statt, "Warten auf Godot", eine Inszenierung von Otomar Krejca.

Ich erinnere mich an meine Freude, nicht drinnen, sondern draußen zu sein; an die euphorische Gewißheit, auf der Straße das schönere Schauspiel zu erleben. Während man im Theater wieder einmal, auf vermutlich hohem Kunstniveau, wartete auf Godot, war er draußen vor dem Tor, irgendwo in der wogenden Masse der Schauspieler, Schausteller, Zuschauer eingetroffen.