Als Patrick Irvine in die Aussegnungshalle eintrat, ging ein Raunen durch die Anwesenden: „Der Doktor ist gekommen.“ Irgendwann vor Jahren habe er angefangen, an der Beerdigung verstorbener Patienten teilzunehmen, bekannte Irvine im amerikanischen Ärzteblatt New England Journal of Medicine. Er gehört damit zu den sechs Prozent seiner Kollegen, die prinzipiell über den Tod des Patienten hinaus Kontakt mit dessen Angehörigen aufnehmen, schriftlich kondolieren oder eben zur Beerdigung gehen.

In der Bundesrepublik dürfte die Zahl der Ärzte, die solches tun, kaum größer sein als in den Vereinigten Staaten: Bei einer Befragung im Fachblatt Medical Tribune wurde deutlich: der Arzt bleibt entweder grundsätzlich solchen Ritualen fern, („man will sich nicht so anbiedern“) oder er beschließt, immer hinzugehen. Beides werde verstanden; aber in der Kleinstadt oder auf dem Lande müsse man sich entscheiden: denn ginge der Arzt nur zur Trauerfeier derjenigen Patienten, die ihm „persönlich nahegekommen“ seien, so fühlten sich die Angehörigen solcher Toten, deren Begräbnis er fernbleibe, zurückgesetzt. Solche Art Diskriminierung müsse auf jeden Fall vermieden werden. Einer rät zum Nachahmen: „Ich schicke immer meine Frau.“

Im Zweifel klären Sachzwänge die Situation: Der Termin der Trauerfeier fällt exakt in die Sprechstunde oder den Stationsdienst – und da haben schließlich die Lebenden Hilfe nötiger als die Toten. So kommt auch der sensible Arzt, der es „selbst nach 20 Jahren noch nicht einfach hinnehmen kann, wenn einer meiner Patienten stirbt“ und „sich dann immer fühlt, als hätte ich eine Schlacht verloren“, um die erneute Konfrontation der Niederlage allen ärztlichen Bemühens herum.

Wie steht es um die Gedanken an die eigene Sterblichkeit? Obwohl der Tod zum ärztlichen Alltag gehört, meinen nicht die schlechtesten unter den Medizinern, man könne sich nicht daran gewöhnen. Auch führe die häufige Begegnung mit dem Tod nicht etwa zu größerer Gleichgültigkeit gegenüber dem Sterben, allenfalls zu größerer Gelassenheit und stärkerer Nachdenklichkeit über Fragen nach dem Sinn des eigenen Lebens. Wo allerdings dieser Sinn entweder nicht gefunden oder gar gegen ihn gehandelt wird, da kann die Teilnahme an einer Beerdigung wie eine Zumutung empfunden werden.

Schließlich werden Ärzte kaum ausgebildet im Umgang mit Sterben und Tod. Dies mag dazu beitragen, daß zumindest Fehleinschätzungen darüber möglich sind, wie wichtig die Teilnahme des Arztes am Begräbnis des ehemaligen Patienten nicht nur für die Angehörigen, sondern auch für ihn selbst ist.

Irvine bekannte, daß ihn das gesellschaftliche Ritual der Bestattungszeremonie von eigenen Schuldgefühlen entlastet. Der Familie demonstriert die Anwesenheit des Arztes, daß der Verstorbene mehr war als ein Klient, mehr als ein „seltener Fall“, eine „Galle“ oder „ein Herzinfarkt“. Ein letztes Gespräch mit dem Arzt kann für die Angehörigen außerordentlich tröstend sein – wie sehr, spiegelt sich manchmal sogar in Nachrufen: dort wird der Beistand des Arztes über den Tod hinaus ausdrücklich und dankbar erwähnt. Silvia Schattenfroh