Von Dieter Buhl

Nicht nur die Amerikaner sind während der vergangenen Tage von Ungewißheit geplagt worden, nicht nur sie haben mit Sorge auf die ärztlichen Bulletins gewartet. Wenn der mächtigste Mann der westlichen Welt krank wird, erregt das weltweites Unbehagen. Zuviel hängt vom Befinden und von der Amtsfähigkeit des amerikanischen Präsidenten ab, als daß der Wunsch nicht verständlich wäre, die unverfälschte Wahrheit über seinen Zustand zu erfahren. Zumal die amerikanischen Medien haben bei ihren Diagnosen keine Zurückhaltung gezeigt. Doch zählt bei einer Erkrankung des Präsidenten die Rücksichtnahme auf die Würde des Präsidenten weniger als die Pflicht, die Öffentlichkeit voll zu informieren.

Der Befund der Präsidentenärzte ist bedrückend. Selbst wenn Krebs schon seit langem kein automatisches Todesurteil mehr bedeutet, bleibt er ein Menetekel. Das trifft zumal dann zu, wenn das Warnzeichen dem ältesten Präsidenten gilt, der je im Weißen Haus amtierte. Bisher bestach Ronald Reagan trotz seiner 74 Jahre durch Optimismus und Munterkeit. Dies wird sich ändern, wenn die amerikanische Nation künftig jeder der regelmäßig notwendigen Untersuchungen entgegenbangen muß. Den bislang so kraftstrotzenden Präsidenten umweht von nun an ein Hauch von Tragik.

Die Krankheit braucht Reagans Handlungsfähigkeit dennoch nicht zu schaden. Er wäre nicht der erste kranke Präsident, der seine Aufgaben voll wahrnähme. Ob Franklin D. Roosevelt vom Rollstuhl aus regierte oder John F. Kennedy schleichender Leukämie und einem schmerzhaften Rückenleiden trotzte – entscheidend war ihr Wille, Amerika zu führen. Er ist auch Ronald Reagan zuzutrauen. Er hat die Verwundungen, die er bei einem Attentat vor vier Jahren davontrug, glänzend überstanden, und Wehleidigkeit war ihm bis jetzt fremd. Warum sollte er nicht auch weiterhin die Präsidentenbürde tragen können?

Für Reagan beginnt freilich gerade die kritische Phase seiner zweiten Amtszeit. Es geht um mehr als innenpolitische Fußnoten, wo das bedrohliche Haushaltsdefizit und eine Revolutionierung des Steuersystems zur Debatte stehen. Es steht auch mehr als außenpolitische Routine auf dem Programm, wenn Gorbatschow und Reagan sich beim Genfer Gipfel treffen. Mehr als je zuvor werden dem Präsidenten Mobilisierungskunst und Überredungskraft abverlangt. Bis jetzt ist es ihm meistens gelungen, die Wähler für seine Ziele zu gewinnen, den Kongreß auf seine Seite zu ziehen. Wirkt sein Charisma noch, wenn Mitleid mit dem Kranken es überschattet?

Wie immer Ronald Reagan auch die Herausforderungen zu Hause meistert – das Bild des strahlenden Weltpolitikers verdunkelt sich. Das läßt vor allem Veränderungen im Imagewettbewerb der Supermächte befürchten. Jahrelang wirkte der Kreml wie ein Siechenheim, das Weiße Haus beeindruckte trotz Reagans Alter als Fitneßzentrum. Nach der Operation verdichtete sich jedoch die Vermutung, die schon mit Gorbatschows Machtübernahme wach wurde: Neben dem neuen Kremlchef sieht der US-Präsident alt aus. Das muß sich weder beim kommenden Gipfel noch überhaupt im Umgang der Großmächte miteinander konkret niederschlagen. Ein psychologischer Nachteil aber könnte es werden, zumal in den Augen der jugendgläubigen Amerikaner.

Immerhin hat Amerika in den letzten Tagen erneut seine Überlegenheit bewiesen. Was im Kreml während der vergangenen Jahre geheimnisumwittert und lähmend verlief, ging in Washington völlig offen und mit absoluter Durchsichtigkeit vonstatten. Der Präsident delegierte seine Macht, wenn auch nur für wenige Stunden, und die Kontinuität der Staatsführung stand niemals in Frage.

Auf Vizepräsident Bush und Reagans engste Mitarbeiter kommen von nun an zusätzliche Aufgaben zu. Der Präsident muß sich erst einmal schonen. Er wird vorläufig die Maxime nicht erfüllen können, die Woodrow Wilson einmal für die Männer im Weißen Haus aufstellte: Sie müßten zur "Kleinen Klasse ... der Athleten" gehören, denn nur Athleten seien den Belastungen des Präsidentenamtes gewachsen. Reagan hat sich bisher in seinem Amt nicht überanstrengt. Wird er künftige Herausforderungen gelassen und souverän meistern können? Der Krebs relativiert das Wort vom Telephon-Präsidenten.