Der neue Aktienmarkt ist unversehens in ein Sommerloch geraten. Die Haussiers sind der Ansicht, daß es sich bis zum Frühherbst wieder geschlossen haben wird. Je rascher’ es mit den Kursen nach unten geht, so sagen sie, um so eher wird eine Basis gefunden sein, auf der sich wieder aufbauen läßt. Die Baissiers dagegen sehen das Ende der dreijährigen Hausse für gekommen. Für sie waren die hektischen Kurssteigerungen in der ersten Juli-Woche ein „untrügliches“ Zeichen für eine sich anbahnende Wende.

Bisher konnte sich der Pessimismus an der Börse, meine verehrten Leser, allein auf Gefühle stützen. „Keine Hausse dauert ewig, die Börse ist keine Einbahnstraße, die Kurse wachsen nicht in den Himmel“ das waren altbekannte Sprüche, mit denen das Unbehagen über den zuletzt sehr steilen Anstieg der Aktienkurse zum Ausdruck gebracht wurde. Besonders natürlich von jenen, die zu früh ihre Aktien verkauft hatten und sich jetzt über „entgangene Kursgewinne“ ärgerten.

Nicht von der Hand zu weisen waren Argumente politischer Art. Zwar haben die in- und ausländischen Aktienanleger nicht auf die für die jetzige Regierungskoalition ungünstig ausgegangenen Landtagswahlen an der Saar und in Nordrhein-Westfalen reagiert. Aber wird nicht Nervosität mit dem Näherrücken der Bundestagswahlen aufkommen? Eine „Rückwende“ würde nach den bisher bekanntgewordenen Wirtschaftsprogrammen der SPD zu einer stärkeren Belastung der Unternehmen führen, ihre Gewinne und internationale Wettbewerbsfähigkeit schmälern und vor allem höhere Abgaben auf Arbeit und Leistung bringen. Jeder kann sich ausrechnen, was das für die Aktienkurse bedeuten würde.

Noch gehen die Börsenexperten für 1985 und 1986 von steigenden Unternehmensgewinnen aus. Werden ihre Ertragsschätzungen als Bewertungsmaßstab zugrunde gelegt, sind deutsche Aktien im internationalen Vergleich geradezu billig. Aber sind die Gewinnprognosen aufrecht zu erhalten, wenn der Dollarkurs nachhaltig unter drei Mark bleibt? In den letzten Tagen konnte von einer „weichen Landung“ des Dollar kaum noch gesprochen werden.

Deutsche Bankiers warnen vor einer Panikstimmung. Sie weisen darauf hin, daß die Nachfrage nach dem Dollar schon deshalb hoch bleiben wird, weil das Defizit im Haushalt der USA gedeckt werden muß. Entsprechend hoch müssen in den USA auch die Zinsen gehalten werden.

Was in den Augen vieler Aktienanleger bei der Beurteilung der Zukunftschancen der deutschen Unternehmen schwerer ins Gewicht fällt als die Dollarsituation, ist die Erlahmung der Konjunktur in den USA, wie sie sich in vielen Bereichen ankündigt. Das würde nicht nur die Absatzchancen auf dem Markt der USA selbst beeinträchtigen, sondern die dortige Industrie zwingen, international wieder aktiver zu werden. Ein billigerer Dollar würde die Exportchancen der amerikanischen Industrie verbessern.

Es gibt also durchaus Gründe, die gegen einen uneingeschränkten Börsenoptimismus sprechen. Andererseits braucht dem Abbruch der längsten Aktienhausse nach dem Krieg nicht unbedingt eine nachhaltige Kursschwäche zu folgen. So lange es nur die rasch disponierenden internationalen Börsen-„spekulanten“ sind, die sich von deutschen Aktien trennen – wie dies in der Vorwoche der Fall war –, sollten am deutschen Aktienmarkt die Dämme halten. Dramatisch wird es mit Sicherheit erst dann, wenn die großen Pensionsfonds der USA oder Großbritanniens, die seit einiger Zeit dabei sind, das Risiko ihrer Anlagen regional zu verteilen und dabei deutsche Aktien bevorzugt haben, einen Rückzug aus der Bundesrepublik antreten. Davon kann im Augenblick noch nicht die Rede sein.