Von Hans-Joachim Müller

Musik und Bildkunst: Stationen einer (zumal für die Kunst) oft anregenden und folgenreichen Begegnung. Das Flötenspiel in der griechischen Malerei zum Beispiel. Am liebsten hätten es Platon und Aristoteles von Staats wegen verboten. Eine vorsprachliche Potenz habe sich in ihm erhalten, die gefährliche Leidenschaften entbinden könne. Und wo immer die Kunst der Antike von Liebessehnsucht und Todesschmerz zeugt, hat meist auch der Flötenspieler seinen Auftritt und bewahrt als wohlverstandenes Bildzeichen einen Rest von jener im Mythos tradierten Lustfülle, die der platonischen Idealkonstruktion des Lebens nur noch Subversion sein konnte.

Ein Ehrenplatz der Musik dann in der romanischen Kunst. Die acht Kirchentonarten der Gregorianik, verbildlicht von je einem Musikanten, noch oben an den Kapitellen im Chorumgang der Abtei von Cluny. Laute, Zimbel, Psalter und Schellenbaum – nicht mehr die Flöte – erklingen für den gebildeten Stolz der mächtig gewordenen Klosterzentrale.

Schrecklich muß es den Kranken in den Ohren geklungen haben, wenn sie im Armenhospital von Beaune aus ihrem Siechtum aufgewacht sind und einen Blick auf Rogier van der Weydens Triptychon "Jüngstes Gericht" wagten. Nicht so sehr, wie da der heilige Michael völlig unbeteiligt die Toten wägt, wird sie ins nächste Koma geworfen haben, sondern der Lärm, den die vier Fanfarenengel um ihn herum veranstalten. Unbarmherziger laut ist Malerei nie mehr gewesen als auf diesem flämischen Bildexport nach Burgund.

Daneben Giorgiones (wohl auch Tizians) "Ländliches Konzert". Ein delikates Bildrätsel voll ungeklärter Beziehungen und drängender Erotik. Eine Allegorie des venezianischen Hedonismus im frühen 16. Jahrhundert und zugleich die Inkunabel einer ganzen Gattung: Der Galant, der da vor den unbekleideten Damen die Laute zupft, wird 200 Jahre später, vorzugsweise im Komödiantenhabit, auf Watteaus Bildbühne wiedererscheinen. So innig ist die Musik in dessen gemaltes Glücksversprechen verwoben, daß dem Katalog zur großen Watteau-Ausstellung in Paris und Berlin ein separates Kapitel über zeitgenössische Musikinstrumente angeschlossen war.

Die schalltoten Landschaftsräume schließlich bei Caspar David Friedrich. Stille als Prinzip. Oder Matisse: die Girlande der berühmten Tänzerinnen auf ihrem blaugrünen Bildfeld. Vielleicht der Dominantakkord in der Malerei dieses Jahrhunderts. Ein Bild, dessen Sensation sich kaum noch in optische und akustische Bestandteile scheiden läßt. Oder Kandinskys poetischer Bauhausdialog mit Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung". Und ein Schritt noch zu Edward Kienholz’ "Portable War Memorial". Die GI’s, die das Sternenbanner auf dem Bistrotisch hissen und das ununterbrochene Plärren des Kate-Smith-Aufbauschlagers "God bless America". Abziehbild und Ohrwurm in einem: die endgültige Banalisierung des vorgeblich Heroischen.

Musik und Malerei. Bilder im Kopf. Ein musee imaginaire. Die Geschichte dieser zuweilen symbiotischen Nachbarschaft, die in ihren glücklichsten Momenten auch die Geschichte potenzierter Sinnenhaftigkeit ist, liegt vollständig beschrieben bis heute nicht vor. Über einen breiten Ausschnitt versucht nun eine Stuttgarter Ausstellung, sich dem Thema anzunähern.