Wasser ist Leben. Leben kommt aus dem Wasser. Gibt es eine harmlosere, alltäglichere, nutzbringendere Chemikalie auf der Erde als H2O? Gewiß, zuviel davon, eine Wasserflut, kann ganze Landstriche zerstören wie jüngst in Bangla Desh. Aber ein paar Liter Wasser aus einem Gartenschlauch?

2. Dezember 1984, 21.30 Uhr: Im indischen Bhopal beginnt ein Arbeiter im Zweigwerk der amerikanischen Firma Union Carbide ein acht Meter langes Rohr zu reinigen. Das Rohr verbindet einen Filter mit zwei Tanks, in denen die giftige Chemikalie Methylisocyanat (MIC) lagert, ein Zwischenprodukt bei der Herstellung von Schädlingsbekämpfungsmitteln. Der Inder läßt Wasser aus einem Schlauch durch das Rohr laufen. Ein Ventil verschließt das Rohr gegenüber einem der Tanks. Der Mann weiß jedoch, daß das Ventil nicht ordnungsgemäß versiegelt ist. Der Chemiewerker stellt das Wasser dennoch nicht ab und verläßt die Anlage.

3. Dezember 1984, 3.30 Uhr: Ein leichter Nordwind hat das aus dem geborstenen Tank 610 entquellende MIC-Gas vollständig vom Werksgelände geweht. In den Slums von Bhopal sterben mehr als 2500 Menschen; rund 200 000 erkranken in der Giftwolke.

Zwischen der vermeintlich harmlosen Rohrreinigung und der schwersten Katastrophe der chemischen Industrie lagen nur sechs Stunden und – etwas Wasser. Am Montag letzter Woche ließ die Geschäftsleitung des Union-Carbide-Konzerns verkünden: "Eindeutig bestätigt wurden die im März veröffentlichten Ergebnisse der Untersuchungskommission von Union Carbide durch eine Reihe weiterer Analysen neuer Rückstandsproben aus dem Tank 610 in Bhopal. Demnach hatte eine große Menge Wasser, die in den Tank eingedrungen war, zu der chemischen Reaktion geführt und die Katastrophe verursacht."

So einfach war das also: Wasser hat die Katastrophe verursacht. Nicht ein Chemiewerker, der ein ungenügend verschlossenes Ventil mißachtete. Nicht eine Firmenleitung, die versäumt hatte, ihrem ungenügend geschulten Personal einzuschärfen, daß sogar Wasser Katastrophen auslösen kann, wenn nur der richtige Reaktionspartner und besonders ungünstige Umstände zusammenkommen – zum Beispiel MIC in Tanks mit defekten Sicherheitseinrichtungen.

Wasser ist für vieles gut. Auch, unter anderem, um seine Hände in Unschuld zu waschen.

Günter Haaf