Von Ota Filip

Es ist sonderbar und auch ein wenig unheimlich, wie flexibel und genau die deutsche Sprache mit Wörtern wie „Wiedergutmachung“ und „Vergangenheitsbewältigung“ umzugehen versteht, mit was für einem feinen Sprachgefühl sie diese konkreten Begriffe abstrahiert und versachlicht. Wenn ich diese Hauptwörter in die tschechische Sprache zu übersetzen hätte, wäre ich ein wenig ratlos, denn das Tschechische verfügt in seinem Wortschatz nicht über einen so ausgeprägten Sinn für semantische Verschleierungen von Inhalten oder Tatsachen.

Ins Tschechische übersetzt, müßte ich die gekonnt formulierten, distanziert und fast teilnahmslos klingenden Zusammensetzungen „Wiedergutmachung“ und „Vergangenheitsbewältigung“ mit einer knallharten, emotionell deutlich gekennzeichneten Umschreibung, also mit meinem persönlichen Urteil und Standpunkt „zur Sache“ ausstatten. Die zweite Möglichkeit wäre, einen poetischen Ausdruck zu suchen, der allerdings genau wie eine Umschreibung ohne ein deutliches emotionelles Engagement für das „höhere Prinzip der Moral“ nicht auskommen könnte. Das Tschechische macht es nicht einfach, ein Problem „an sich“ kühl oder unterkühlt zu betrachten, einen Ausdruck, der nach emotioneller Färbung und nach Engagement schreit, ohne innere Rührung, sozusagen nach allen Seiten ausgewogen – was für ein schreckliches Wort „Ausgewogenheit“! – und distanziert zu formulieren.

Das Problem der tschechischen „vergangenheitsbewältigenden“ „Literatur der Tschechoslowakei,“ die sich mit den Nazis in Böhmen und in Mähren beschäftigt, liegt für die bundesdeutsche Welt wohl nicht so sehr in der Tatsache, daß sie eigentlich keine hier bisher nicht bekannten Fakten von nazistischen Verbrechen im „Protektorat Böhmen und Mähren“ mitzuteilen hätte, sondern eher in der offenen, direkten und emotional geladenen, nicht „ausgewogenen“ Sprache, mit der die antifaschistische und antinazistische tschechische Literatur geschrieben ist. Diese Sprache, die Tatsachen, ohne sie semantisch zu verschleiern, beim Namen nennt, müßte hier in einer nicht zurechtgebogenen und nach dem bewährten Muster der Ausgewogenheit nicht glatt und „schön“ gedichteten deutschen Übersetzung kränkend, ja beleidigend wirken. Das zweite Problem liegt in inhaltlichen Aussagen, die meistens die historischen Tatsachen nicht berücksichtigen; denn mehr als um geschichtliche Genauigkeit geht es ihr um die Beschreibung von Verzweiflung, von Angst und Zorn des Menschen in einer scheinbar ausweglosen Situation.

In solche Situationen haben sich die Tschechen in den letzten 50 Jahren vorwiegend durch eigenes Verschulden zu oft hineinmanövriert. Die Tschechoslowakei litt und leidet bis heute an ihren selbstproduzierten Illusionen und an einem permanenten Mangel an realen politischen Programmen. Die Anlehnung an die großen westlichen Demokratien Frankreich und England vor 1938, die folgende Bewunderung für den großen Bruder im Osten, die Euphorie nach der Befreiung von 1945 und der Wille der erneuerten Republik, eine Brücke zwischen Ost und West, West und Ost zu werden, der „eigene Weg zum Sozialismus und zum Kommunismus“, die „ewige Freundschaft zu der UdSSR“ –: das alles waren und sind in der Tschechoslowakei nur Metaphern, weit von sachlichen Inhalten entfernt.

In der Politik führte dieses gestörte Verhältnis zur Realität von einer Katastrophe in die andere; für die Dichtung war es allerdings ein fruchtbarer Nährboden, auf dem auch die tschechische antifaschistische Lyrik – vor allem nach der für die Tschechen schrecklichen Kapitulation der westlichen Demokratien Frankreich und England in München 1938 – aufblühen konnte. Die antifaschistische, gegen die braune Diktatur gerichtete tschechische Lyrik der Jahre 1938 bis 1945 ist für mich ihre glorreichste Ära.

Interessant: als Jaroslav Seifert 1984 den Nobelpreis für Literatur erhielt, war das bundesdeutsche Interesse für sein lyrisches Werk groß; für Seiferts antifaschistische oder antinazistische Gedichte allerdings überhaupt nicht vorhanden. Dabei gehört Seiferts Gedichtband „Löscht die Lichter aus“, 1938 erschienen, kurz nachdem Frankreich und England in München vor Hitler kapituliert hatten, zu den Gipfeln seiner engagierten Lyrik.