In Pelzmäntel und Felle gehüllt, stapfen Dickhäuter über die riesige, leere Bühne, auf der nur ein paar Steine liegen. Menschen? Wilde Tiere? Welt in der Kälte der Steinzeit?

Oder spielt Klaus Michael Grübers Inszenierung von Shakespeares Tragödie „König Lear“ (1606) in der Eiszeit des nuklearen Winters nach der Atom-Katastrophe? Die metallisch schimmernden Rolläden von Großgaragen oder Flugzeugwerften, die Gilles Aillaud in der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz die Szene im Hintergrund begrenzen und als silbern glänzenden Eisernen Vorhang, den Bühnen-Ausschnitt verkleinernd, sehen läßt, wecken Assoziationen weniger an eine mythisch-archaische Frühzeit, in der Shakespeare sein Drama spielen läßt, als an apokalyptische Szenarien der Zukunft.

Die leisen Schreie, die aus dem Hohlraum dieser Weltbühne dringen, klingen wie träumerische Worte von jenseits des Grabes. Als Chateaubriand seine Lebenserinnerungen „Mémoires d’outre-tombe“ (1848) schrieb, gedachte er sein Leben gleichsam zu verlängern: Mit der Eitelkeit des romantischen Autors wollte er sein Ich noch nach dem Tode wirken sehen.

Grübers Blick dagegen, in seinen letzten Arbeiten für die Bühne (Tschechows dramatische Skizze „An der großen Straße“, Schaubühne, Februar 1984; Racines „Berenice“, Comédie Française, Dezember 1984; ZEIT 50/84), verkürzt das Leben auf einen einzigen Augenblick des Leidens, der Lebensqual, der Weltklage. Als ob einer Abschied nähme vom Leben. Bewegung stockt. Sprache erstirbt. Menschen versteinern zu Statuen.

Wer diesem Bühnenkünstler gern zuhört, zuschaut, sieht die Gefahren eines Monumentaltheaters ohrenzerreißenden Flüsterns, schreienden Schweigens, ausdrucksstarken Stillstandes.

Unerbittlich ist der (nicht „pessimistische“, sondern kalt registrierende) Blick dieses Welt-Anatomen am Regie-Pult. Alles Gefühl wird verwandelt in die Nüchternheit des Statistikers, der an dichterischen Texten die Richtigkeit der alten Formel beweist: Leben = Leiden.

Wo andere vor Rüstungs-„Wahnsinn“ schreiend und gestikulierend warnen, aufgeregt vom „Wahnsinn“ reden, mit dem unsere Generation dabei ist, die Erde unbewohnbar zu machen, nimmt Grüber, traurig trotzig schweigend, den Zeigestock und deutet auf die alten Texte der toten, der unsterblichen Dichter, die das alles schon – und besser – gesagt haben. Nie ist König Minetti mehr in Not, nie bringt er den Zuschauer stärker in Bedrängnis, als wenn er an sich selber irre wird, seine Angst vor dem „Wahnsinn“ gesteht.