Die Teilung der Insel ist dem Tourismus im türkischen Teil nicht gut bekommen

Von Franz Rudolf Men\ne

Es kann nicht verschwiegen werden, daß die Anreise sich etwas umständlich gestaltete und geradezu orientalische Geduld erforderte. Nach Tagen in bequemen türkischen Überlandbussen, eingehüllt in den Duft ständig ausgeteilten Rosenwassers, erreichten wir, von Westen kommend, Taşucu, den an der kilikischen Küste gelegenen Hafen der Fähre nach Nordzypern. Die dafür eingesetzte „Ertürk II“ kennt allerdings keinen genauen Fahrplan und schippert derart behäbig durch das hier herrlich blaue und saubere Mittelmeer, daß Delphine sie mit Leichtigkeit überholen.

Girne, vormals Kyrenia, bietet mit seinem Hafenpanorama dem von See anreisenden Besucher einen der schönsten Anblicke des nördlichen Inselteils. Mit alten Hafenmauern, verfallenem Leuchtturm, venezianischem Kastell und von Cafes umsäumtem Yachtbecken, hinter dem die enge Altstadt aufsteigt, wirkt Girne wie der Prototyp eines levantinischen Hafenplatzes. Trotz einiger Neubauten bleiben die Züge des Verfalls vorherrschend.

Erinnerung an britische Zeiten

Auch das „Dome-Hotel“, bei Zyprioten noch immer mit dem Flair des Mondänen behaftet, kann mitteleuropäischen Vorstellungen nicht mehr Genüge leisten. Ebenso läßt das „Bristol“, geführt von einem lebensfrohen, ehemals in Düsseldorf Taxi fahrenden Zyprioten, nur noch schwach den Stil des britischen Empire ahnen, wenngleich im Leben der Stadt die alten Bindungen an London in vielen kleinen Dingen, wie etwa dem Linksverkehr, unübersehbar bleiben.

Auffällig ist, wie unbeschwert und frei sich die Menschen fühlen. Endlich – so sagen sie – können sie sich unbehelligt und ohne Angst im Land bewegen. Die Mitglieder des Sportclubs von Girne, zumeist Männer mittleren Alters, die in der ehemaligen Sommerresidenz des britischen Gouverneurs ihre Heimstatt aufgeschlagen haben, scheinen dies allabendlich zu feiern. Bei Gegrilltem und reichlich Raki und Bier auf der Terrasse der alten Residenz will ihr Lachen über den Dächern der Stadt, so scheint es, nie verstummen. Und drinnen, im Kern des Gebäudes, befindet man sich, nachdem man ein stilvolles Treppenhaus durchschritten hat, in der Bar des urbritischen Mister John. Ein Schritt von levantinischer Abendsilhouette mit Palmen, Meer und Fledermäusen ins England der Jahrhundertwende.