Von Theo Sommer

Angst vor Überfremdung, vor dem Verlust der Identität des eigenen Volkes? Es hat sie in allen Zeiten gegeben, und nicht nur bei deutschen Blut-und-Boden-Phantasten. "Warum", so jammerte Benjamin Franklin im Jahre 1751, "warum sollten wir dulden, daß die Bauernlümmel aus der Pfalz in unsere Siedlungen schwärmen und, indem sie sich auf einen Haufen zusammendrängen, ihre Sprache und Sitte einführen, unsere aber ausschließen? Warum sollte Pennsylvanien, das die Engländer gegründet haben, eine Kolonie von Fremdlingen werden, die bald so zahlreich sind, daß sie uns germanisieren, anstatt daß wir sie anglisieren?"

Franklin – Philosoph, Staatsmann, Verfasser lebenskluger Sinnsprüche und Erfinder des Blitzableiters – war kein Rassist, kein Unmensch, sondern ein Mann der Aufklärung. In seiner Klage verrät sich ein Instinkt, der dem Menschen offenbar unausrottbar eingefleischt ist: Er möchte mit seinesgleichen unter sich bleiben, und wo er schon Freunde in seinen Lebenskreis läßt, sollen diese sich gefälligst der Sprache, der Kultur und der Wertordnung anpassen, die sie dort vorfinden. Die Ängste, die Franklin gegenüber den Bauern aus der Pfalz empfand – sie schlugen ganz genauso den nachfolgenden Einwanderungswellen entgegen: erst den Iren, Italienern und Osteuropäern, neuerdings den Hispanics und Pacifics, spanischsprechenden Einwanderern also und vielerlei Asiaten. Es sind dieselben Ängste, die wir Westdeutschen empfinden, wenn wir an die 4,3 Millionen Ausländer denken, die in der Bundesrepublik und West-Berlin leben – zumal an die 1,4 Millionen Türken.

Sämtliche Meinungsumfragen ergeben: 80 Prozent der Bundesbürger finden, daß wir zu viele Ausländer im Lande haben, 85 Prozent wollen den weiteren Zuzug begrenzen. Bei keinem anderen Thema sind sich die Deutschen so einig. Die Einigkeit reicht quer durch das Parteienspektrum, von den Anhängern der CSU bis hin zu denen der Grünen. Die Menschen werden einfach von der Sorge geplagt, daß wir uns einen größeren Ausländeranteil aufhalsen, als wir psychologisch und wirtschaftlich bewältigen können.

Schon Helmut Schmidt hatte als Kanzler davor gewarnt, "daß wir einen weiteren Zuzug von Ausländern in unser Land nicht mehr verkraften können. Es ist widersinnig, Menschen bei uns aufzunehmen, die sofort durch Arbeitslosengeld und Sozialleistungen einen höheren Lebensstandard haben, als wenn sie zu Hause im eigenen Land jede Woche 45 Stunden arbeiten." Heinz Kühn, ehemals SPD-Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, drückte sich noch kategorischer aus: "Übersteigt der Ausländeranteil die Zehnprozentgrenze, wird jedes Volk rebellisch."

Nun liegen wir noch immer ein gutes Stück unter der Kühnschen Rebellionsgrenze: 7,1 Prozent beträgt der Anteil der Ausländer an der Wohnbevölkerung, und die Tendenz ist seit einiger Zeit rückläufig. Aber in neunzehn deutschen Großstädten ist diese Grenze erreicht, zum Teil weit überschritten: Frankfurt 24 Prozent, Stuttgart 18, München 17, Berlin 12,5 Prozent. Und wie ein Alp lastet auf Regierung und Volk die Erwartung, daß nach dem 1. Dezember 1986 sich ein neuer Strom von Türken in die Bundesrepublik ergießen könnte. Dann wäre die Toleranzgrenze, die Rebellionsgrenze erreicht.

Die Möglichkeit einer neuen Türken-Invasion schafft das Assoziierungsabkommen, das die Europäische Gemeinschaft im Jahre 1964 mit Ankara abgeschlossen hat. Es sieht vor, daß den Türken vom 1. Dezember 1986 an dieselbe Freizügigkeit im EG-Raum zugestanden wird, die alle Bürger der Vollmitgliedsstaaten bereits genießen. Niemand weiß, wie viele tatsächlich davon Gebrauch machen werden. Zuweilen wird die Zahl von 1,2 Millionen Wanderungswilligen genannt, doch ist sie schwer belegbar. Fest steht nur, daß es in der Türkei offiziell 3,5 Millionen Arbeitslose gibt, neben Millionen von Unterbeschäftigten in den Dörfern Anatoliens. Davon werden viele ihr Glück jenseits der Grenzen versuchen wollen. Und wie bisher wird ihr Traumziel die Bundesrepublik sein: 90 Prozent aller Türken, die ihre Heimat verlassen, landen bei uns.