Von Jürgen Manthey

Bei der Lektüre von Einar Schleefs Buch kommt einem Roland Barthes’ Definition des Schriftstellers in den Sinn: „Der Schriftsteller ist jemand, der mit dem Körper seiner Mutter spielt...: um ihn zu glorifizieren, zu verschönen oder zu zerstückeln, ihn bis zur Grenze dessen zu bringen, was Vom Körper erkannt werden kann.“

Kein anderer Autor hat diesem Wunsch so direkt und so ausschließlich nachgegeben wie Einar Schleef, der inzwischen von „Gertrud“ einen zweiten Band mit noch einmal 500 (großformatigen) Seiten geschrieben hat. In ihm kommen die Jahre 1976 bis 1980 zur Sprache: zur Sprache der (zuletzt) siebzigjährigen Gertrud Hoffmann, die in Sangerhausen am Fuße des thüringischen Kyffhäusergebirges lebt, dem Ort, den Schleef 1976 verlassen hat, um seither in West-Berlin zu wohnen und (über ihn) zu schreiben.

Gertrud ist eine Pallas Athene, aus deren Kopf die ganze Stadt Sangerhausen (Stadtplan und Personenverzeichnis sind beigefügt) immer wieder neu entspringt, aus Abertausenden von Aspekten ihres DDR-Alltags minütlich und minuziös zusammengesetzt. Ein weiblicher Franz Biberkopf und eine Nachkommin Molly Blooms, wird ihr sprachlicher Reflex zum literarischen Webstuhl der Geschichte von Personen, deren „banaler Alltag“ zum „Welt-Alltag“ avanciert (wie Hermann Broch einmal über Joyces „Ulysses“ gesagt hat). Literarisch, als Gegenstand einer entsprechenden Literatur, hat die DDR das dort ständig beschworene „Weltniveau“ längst erreicht.

„Topf Kartoffeln im Schoß, schlappe, ohne Quark, Gurkensalat, einfach so, kauen, Salz von beiden Seiten, Schale klebt, Rand festgesetzt, noch warm, mußte erst liegen, benommen, Kopfschmerz und Schwindel, taumelte, Sofa erreicht, hingewälzt, Augen geschlossen, ein Wirbel, Schläfen gerieben, ging besser, blinzelte, Sonne mächtig, grüne Rollos stinken, jetzt essen.“

Schleef hat durch diese Molekülisierung der inneren Rede die Oberfläche der Sprache ins beinahe Unendliche vergrößert, um die Welt, diesen unabweislichen, ewigen Narziß, der sich über den Bewußtseins-Strom des Dichters beugt, in glitzernden Wellen, in unzähligen Teilreflexen und Bildbrüchen zu zerspiegeln, zu zerstückeln und die Partikel wie in einer endlosen Filmsequenz vom Leserauge neu zusammensetzen zu lassen.

Ist das Leben einer Rentnerin in einer Kleinstadt der DDR nicht das Eintönigste, Trostloseste, Unergiebigste, das sich denken läßt? Dann lese man in diesem Buch. Die alte Frau, die alles zu ihrem Sohn im Westen (den sie „Filius“ nennt) hinspricht, hinschreibt, in datierten und undatierten Notizen, in zitierten Briefen oder im inneren Monolog, sie ist selber lebendigstes Subjekt einer Teilhabe an einer ungeteilten Lebenswelt, über die dieses Buch eine (eine?) Wahrheit ans Licht bringt.