Was ich nicht begriffen habe, was mich deshalb natürlich auch nicht kränken konnte, war der Versuch, den sogenannten Erzähler von dem anderen zu trennen, der da gelegentlich Aufsätze schreibt, Kritiken, den man gelegentlich reden hört, ganz abgesehen davon, daß auch Aufsätze, Kritiken und Reden Literatur sind.

Ich finde, wenn ich in mich gehe, den sogenannten Erzähler, wenn man schon von Ärger und Gefahren spricht, gefährlicher und ärgerlicher als den anderen. Deshalb habe ich diese Trennung nicht verstanden. Das herauszufinden überlasse ich den Germanisten. Ich finde eine leicht dahinfließende, fast mozarteske Kurzgeschichte – wie manche von Hemingway –, die mit dem nihil oder dem nada und dem Nichts spielt, es vor sich hintreibt, es hüpfen und springen läßt, mir könnte sie gefährlicher werden, als manches politische Pamphlet.

Ich kann die Gefahren solcher Mißverständnisse hier nicht erschöpfend darstellen, ich kann sie nur andeuten und zu bedenken geben, als Warnung vor Irrtümern, auch bei der Lektüre von Klassikern übrigens. Diese Mißverständnisse sind uralt, sie sitzen tief, und es gibt sehr wenig Fälle, wo Menschen groß genug waren, souverän genug waren, in ihrer eigenen Ideologie und Weltanschauung energisch zu verharren und doch über die Grenze zu springen, Kunst oder Literatur anzuerkennen, die nicht in diese Ideologie passen. Mir fallen da nur drei ein, Walter Benjamin, Rosa Luxemburg und auch – Gott sei mir gnädig, wenn ich den Namen nenne – Lenin, der nach der Revolution eine Liste für russische Autoren aufstellte, deren Denkmäler nicht angetastet werden sollten, und unter diesen war auch der Reaktionär Dostojewski.

Und wenn man bedenkt, wie hierzulande mit Heinrich Heine oder Ossietzky umgegangen wird, könnte man in diesem Fall vielleicht Lenin als Beispiel nehmen.

Bei der Bewertung dieser Hervorbringung, die man künstlerisch nennt, spielt ja auch etwas eine Rolle, das weder justitiabel noch objektivierbar ist, nämlich der Geschmack. Ich kenne kein heikleres Terrain, jeder von uns kennt wohl Menschen, ist möglicherweise mit ihnen befreundet, deren Geschmack, was ihre Bilder, Möbel, Bücher betrifft, er haarsträubend findet, und doch schätzt er ihren Charakter und mag sie. Auch das Umgekehrte trifft wohl hin und wieder zu, daß man da jemand kennt, dessen Geschmack man als makellos empfindet, dessen Charakter aber abscheulich.

Wenn man, wie ich es tue, an Brecht die Gedichte bevorzugt, so muß man doch wissen, daß auch sie der ganze Brecht sind. Und Goethe, dieser unumstrittene Bücherschrank-Klassiker, ich weiß nicht, was die sich vorstellen, die ihn möglicherweise ihren Kindern als heilende Lektüre gegen die Verworfenheit der Moderne empfehlen, die „Wahlverwandtschaften“, „Werthers Leiden“, „Faust“, wer diese Empfehlung ausspricht, muß wissen, was er tut, oder er hat Goethe nicht gelesen: Chaos, Unglück, Schmerz, Angst, Ehebruch, Selbstmord verbergen sich hinter dieser Prosa, die man allzu leicht nur als wohlgefällig hinnimmt.

Und erst dieser Kleist, den man, Gott sei Dank, an allen Schulen liest, ein Radikaler, zeitweise sogar im öffentlichen Dienst, den „Kohlhaas“, das „Käthchen“, „Der zerbrochene Krug“, dieses so furchtbar lustige Lustspiel seinen Kindern einfach zu lesen geben, da wird kein Autoritätsglaube verbreitet. Gefährliche Klassiker, Erzähler weniger bedenklich als Essayisten? Ich nenne da noch einen. Johann Peter Hebel. Dieser friedliche, sanfte, freundliche, liebenswürdige Autor klassischer Kalendergeschichten; wer wittert da nicht die süßen Verlockungen der Anarchie, wenn Zundelheiner und Zundelfrieder nachts auf Tour gehen oder wenn der Barbier-Lehrling dem patzig protzigen Räuber, diesem Herrn, das Messer an die Kehle hält. Vorsicht, bei Erzählern, auch klassischen!