Louis Held, 1851 in Berlin geboren, 1927 in Weimar gestorben, war ein beachtenswerter Photographenmeister. Wie es die Apparaturen nahelegten und die Zeit es wünschte, entfaltete er seine Kunst zuerst im Atelier. Er postierte seine Klienten vor malerischen Kulissen, rückte sie mit sicherer Hand zurecht, ordnete ihre Haltung, gab den Falten ihrer Gewänder einen schattenreichen Wurf und achtete vor allem auf ihre Gesichter.

So hat er viele wunderschöne Porträts geschaffen. Doch dann zog es ihn hinaus. Er arrangierte seine Modelle bald nicht mehr nur in künstlichen Umgebungen, sondern nahm sie dort auf, wo sie lebten, in der Welt ihrer Berufe, ihrer Vorlieben. Später, nachdem Louis Held eine der ersten handlichen Reisekameras erworben hatte, wurde er, was man einen Reporter nennen kann. Seine Neugier war groß. So blieb es auch nicht aus, daß er der Sehnsucht vieler Photographen, den Moment in Bewegung zu verwandeln, folgte: Er filmte und half dem professionellen Film auf die Beine, in einem eigenen Kino.

All dies geschah in Weimar, und so ist seine Hinterlassenschaft nicht nur interessant für die frühe Kunst des Photographierens, sondern für die Kulturgeschichte seiner Zeit, sie ist ein Beitrag über die Künste, die Gesellschaft und den Alltag im großherzoglichen Weimar um 1900. Er war der Hausphotograph des Komponisten Franz Liszt bis zu dessen Tode, er war der Porträtist des Hofes; das Weimarer Bauhaus ließ ihn, von ein paar berühmt gewordenen Bildnissen Henry van de Veldes und Walter Gropius’ abgesehen, offensichtlich kalt: Er gehörte noch ins alte Jahrhundert.

Wie auch immer – man lernt durch ihn eine kaum bekannte Partie von Weimar kennen. Und man schaut nicht ohne Staunen, erst recht nicht ohne Rührung auf diese stimmungsvollen Bilder – und manchmal auch belustigt. Wie er den Bäcker Arno Schmidt in der Backstube, den Maler Olde in seinem Atelier, das Ehepaar Dehmel im Garten des Nietzsche-Archivs, die Knaben im Männerbad, die Frauen und Dienstburschen am Brunnen, so hat er auch die bildhübsche Nachwuchsschauspielerin Lil Dagover in ihrer Umgebung photographiert, ein theatralisches Idyll von 1913.

Renate Müller-Krumbach hat zu diesem Buch eine informative Einleitung geschrieben. Es hat einen schönen Einband, der sich aber wirft, untrügliches Zeichen für Buchbinder, die ihr Handwerk nicht beherrschen. ("Weimar um 1900 – Photographien von Louis Held"; Schirmer/Mosel Verlag, München, 1984; 212 S., 265 Abb., 49,80 DM.)

Manfred Sack