West-Berlin

Heino läßt sich das Singen nicht verbieten. Auch, wenn sich alle gegen ihn verschworen haben. Die Medien verschweigen hartnäckig seinen radikalen Bruch mit der deutschtümelnden Volkslied-Vergangenheit. Seine einstige Plattenfirma, der mächtige Weltkonzern Emi-Electrola, schickt sogar ein Double vor Gericht, um ihn mundtot machen zu lassen. Heino ist unbequem geworden, er stört die Geschäfte. Doch Heino läßt sich nicht verbieten.

Wir erinnern uns: 1967, als die Beatles das deutsche Volk verunsicherten, erschien Heino auf der Bühne, mit Sonnenbrille und weißblondem Haupthaar. Jenseits des Tales“, „Kein schöner Land in dieser Zeit“, „Treue Bergvagabunden“ hießen die Titel, mit denen er, vom Schlagersänger Ralf Bendix entdeckt, uns Trost spendete und dem deutschen Liedgut daheim und in der Welt wieder Gehör verschaffte.

Der gelernte Bäcker wurde zum Dauergast im Fernsehen, schaffte Schallplattenumsätze in Milliardenhöhe. Er bezeichnete sich selbst als „Sänger der schweigenden Mehrheit“, sang auf der Platte „Lieder aller Deutschen“ unsere Nationalhymne wieder in allen drei Strophen, reiste auf seinen Tourneen bis ins frühere Deutsch-Südwest und nach Südafrika.

Und auf einer seiner Südafrikafahrten, im Herbst 1981, geschah das Sensationelle, „was die gesamte Presse bisher verschwieg“, wie sein neuer Manager Raff Blendax in einer Klarstellung enthüllte. In Soweto, dem schwarzen Armenviertel von Johannesburg, lernte er eine „Negerkapelle“ kennen und wollte mit ihr eine Langspielplatte aufnehmen – nicht zuletzt als eine Art Wiedergutmachung dafür, daß er sich zuvor von weißen Rassisten so oft begeistert hatte feiern lassen. Manager Raff Blendax: „Seine Plattenfirma Emi-Electrola verbot ihm jedoch dieses Vorhaben, da es nicht in ihr Konzept paßte. Heino war über diesen Eingriff in seine künstlerischen Freiheiten so verärgert, daß er spontan sämtliche Verträge mit Emi-Electrola brach und sich nach Kreuzberg absetzte.“

Dort, in der Großbeerenstraße, wo zu Beginn des Jahrhunderts noch ganz großbürgerlich der Geheimrat Holstein gewohnt hat, machte er mit Theo, seiner neuen Lebensgefährtin, den „Scheißladen“ auf. Das ist ein Musikgeschäft, in dem die beiden auch wohnen, und wo sie nur sogenannte unabhängige Labels verkaufen, Platten und Kassetten also, die ohne Beteiligung der großen Plattenkonzerne produziert wurden – von Jazz bis Punk, oft nur in einer 1000er Auflage.

Und inzwischen tingelt Heino auch wieder durch die Lande. Mit der Punk-Band „Tote Hosen“, vormals: „Die Tangobrüder“, macht er gerade seine zweite Tournee – bis zum 22. Juli noch durch die Bundesrepublik, danach in die Schweiz, nach Österreich, Holland, Dänemark, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn. Für die Hausbesetzer hat er gesungen, für die „Unterdrückten“, wie es Manager Blendax nennt – ein ganz anderer Heino also als der, den man von der Maas bis an die Memel kannte.