Die Krankheit des amerikanischen Präsidenten beunruhigt Amerikas Wirtschaft

Von Jes Rau

Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten sich einer schweren Operation unterziehen muß, dann entsteht Unsicherheit – politische und wirtschaftliche. Die plötzliche Erkrankung von Ronald Reagan und die zeitweilige Machtübergabe an Vizepräsident George Bush verstärken den Eindruck, daß sich die USA in einer wirtschaftlichen Umbruchsituation befinden. Dafür spricht der rasch absackende Dollarkurs. Der Wertverfall der amerikanischen Währung belegt die Zweifel der Finanzmärkte an der Wachstumskraft der amerikanischen Wirtschaft und an der Dauerhaftigkeit der hohen Zinsen.

Wo ist der Boom geblieben? Im vergangenen Jahr wuchs Amerikas Bruttosozialprodukt real um fast sieben Prozent und Ronald Reagan stand im Ruf eines Wundertäters. Im ersten Quartal dieses Jahres hingegen herrschte praktisch Stagnation, die Arbeitslosigkeit verharrte auf 7,2 Prozent und die ersten Warnungen vor einer hereinbrechenden Rezession wurden laut. Die Erleichterung war deshalb groß, als das US-Handelsministerium in einer vorläufigen Schätzung für das zweite Jahresviertel ein reales Wachstum von 3,1 Prozent ermittelte. „Der Tiefpunkt der Wachstumsphase ist überstanden“, meinte Handelsminister Malcolm Baldridge. Aber die Regierung Reagan räumt inzwischen ein, daß in diesem Jahr das reale Sozialprodukt wahrscheinlich nicht um die vorhergesagten vier Prozent steigen wird.

Wirtschaft im Schwebezustand

Dabei sind die Hindernisse, die erfahrungsgemäß einem Aufschwung im Wege stehen, allesamt ausgeräumt. Sämtliche Rezessionen seit den sechziger Jahren waren dadurch bedingt, daß die Zentralbank die Geldversorgung drosselte, um die Inflation zu stoppen. Dieser Grund für eine mögliche Rezession entfällt, denn die Inflation ist unter Kontrolle. Die Antwort der Zentralbank auf den Schwächeanfall der US-Wirtschaft bestand deshalb darin, mehr Geld in den Kreislauf zu pumpen. Was die Zinsen auf ein Niveau gedrückt hat, das fast so niedrig ist wie in der guten alten Zeit: Der Diskontsatz liegt derzeit bei 7,5 Prozent, die prime rote, der Bankzins für beste Kunden, bei 9,5 Prozent. Festverzinsliche Hypothekenkredite sind nun für zwölf Prozent zu haben. Normalerweise setzt ein solcher Rückgang der Finanzierungskosten einen Bauboom in Bewegung, der bald auf die Gesamtwirtschaft ausstrahlt.

Davon ist bislang allerdings wenig zu spüren. Die rückläufigen Einzelhandelsumsätze im vergangenen Monat zeigen, daß, die Wirtschaft sich noch immer im Schwebezustand befindet. Nach Meinung von Harvard-Professor Lester Thurow und vielen anderen besteht wenig Aussicht auf Besserung, solange die Schlagseite im Außenhandel nicht korrigiert wird. Im vergangenen Jahr erreichte das Defizit der US-Handelsbilanz 130 Milliarden Dollar. In diesem Jahr wird es nach vorherrschender Meinung 150 Milliarden Dollar überschreiten. Für Thurow ist die augenblickliche Flaute der Beweis dafür, daß die kränkelnde Industrie auch den Dienstleistungsbereich in Mitleidenschaft zieht.