„Wie mancher andere sage ich mir, daß das Reisen heute ein Massenvorgang geworden sei. Reisen strengt körperlich und geistig meist mehr an, als das Unternehmen wert ist. Balzac schrieb von der Ökonomie der Kräfte. Warum sie als moderner homo viator verschleudern, wenn man sich auf dem eigenen ruhenden Pilotensitz am Schreibtisch vor der Bibliothek und in virgilischer Landschaft wohler fühlt?“

„Die größte Reise im Innern ist und bleibt wohl die, sich den so kurzen Weg zwischen Geburt und Tod so bewußt zu machen, daß man – umgeben von unendlichen Dimensionen der Sinnlosigkeit – wenigstens in etwa heiter bleibt und dem Nächsten gegenüber gerecht und wohlwolend.“

Gustav René Hocke über den „Unfug der Unstetigkeit“ in der ZEIT vom 8. März 1968

Märkisches Viertel: nachbessern?

Gerade hat sich die Vereinigung der Stadt-, Regional- und Landesplaner damit befaßt (ZEIT Nr. 28), im Herbst wird sich der Internationale Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung in Budapest damit herumschlagen: mit der so gut wie alle Länder der Erde bedrängenden Frage, wie die Großsiedlungen der Nachkriegszeit erhalten, also „nachgebessert“, möglichst sogar attraktiv gemacht werden könnten. Zufall oder nicht: Thema des 131. Schinkel-Wettbewerbs 1985/86, soeben ausgeschrieben vom Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin, ist erstens die Frage, wie das Märkische Viertel „aus einem perfekten Wohnungsversorgungsgebiet in eine an zukünftige Entwicklungen anpassungsfähige Stadtstruktur umgewandelt“ werden könnte, ist zweitens die Frage, wie sich „der materielle Versorgungsgedanke mit immaterieller Lebensqualität füllen“ lasse, „damit nicht eines Tages die Bewohner ihr Viertel verlassen“. Zu Antworten aufgerufen sind, wie üblich, alle jungen Experten der Fächer Städtebau, Hochbau, Kunst und Bauen, Konstruktiver Ingenieurbau sowie Straßenbau und Verkehrswesen. Sie dürfen nicht älter als 35 Jahre sein. Der AIV (Bleibtreustraße 33, Berlin 15) hält jetzt die Ausschreibungsunterlagen bereit. Abgabetermin der Arbeiten ist der 15. Januar. Zwei Monate später werden die Sieger geehrt – und wird die Erleuchtung gefeiert, die sie den ratlosen Stadtplanern, Wohnungsbaugesellschaften, Politikern Dringen. Ob sie heißt: abreißen?

Gustav René Hocke

„Ist es schon schwer“, schrieb er einmal im Kölner Stadtanzeiger über seine Arbeit als „deren Mann in Rom“, „irgendein Land der Welt zu erschöpfen’, so ist es undenkbar, daß dies in Italien geschehen könnte. Italien ist kein ‚Land‘. Es ist ein Mosaik aus vielen alten Ländern.“ Tag für Tag das Leben dieses Landes zu beobachten, sei „eine beglückende, aber auch beunruhigende, eine anregende, aber auch aufregende Tätigkeit“. Er hat sie jahrzehntelang verrichtet, neben der kölnischen nicht zuletzt für die Süddeutsche Zeitung: Gustav René Hocke war ein Auslandskorrespondent par excellence, respektiert wie ein Diplomat, gelehrt, viel beachtet, mit Orden und Titeln reichlich geschmückt. Vor zehn Jahren hatte er mit dem journalistischen Dienst aufgehört, am 14. Juli ist er, erst 77 Jahre alt, in Genzano südlich von Rom, seinem Wohnsitz seit langem, gestorben. Einen Namen hatte er sich vor allem mit seinen essayistischen Büchern gemacht Und da vor allem mit einem Thema: dem Manierismus. Seine erste große Arbeit darüber, 1957 unter dem Titel „Die Welt als Labyrinth“ zweibändig in Rowohlts deutscher Enzyklopädie erschienen, wurde sogar ein Bestseller, obwohl die Lektüre keine leichte Arbeit war. Doch das Thema war, so konsequent verfolgt, neu: eine Kunst-, besser: eine Geistesgeschichte des Manierismus zwischen Renaissance und Barock, jedoch bezogen auf die Gegenwart. Denn Hockes These war ja faszinierend: daß der Manierismus keine vorübergehende, sondern eine konstante Erscheinung des europäischen Geistes sei, eine stetige „Komplementär-Erscheinung zur Klassik aller Epochen also auch der heutigen, kurzum, eine Urgebärde des Menschen.