Der Schriftsteller Joseph Roth hatte schon Ende der zwanziger Jahre über seine Eindrücke in Albanien geschrieben, daß dieses Land wie ein abgeschlossener Hof wirke, eingefaßt von natürlichen Gefängnismauern. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Augenzeugen, die Albanien durchreist haben, sind selten. Paul Lendvai vom Österreichischen Fernsehen in Wien, hat Albanien 1983 und 1984, also zweimal, besucht, wobei er in diesem kleinen Land 3300 Kilometer zurücklegte. Möglich war ihm dies, weil er im Auftrag des ORF über den Abschluß eines Rundfunkabkommens mit Albanien verhandelte und 1984 in Albanien eine Fernsehdokumentation drehen durfte. Ein Ergebnis seiner Reisen ist das Buch:

Paul Lendvai: Das einsame Albanien. Reportage aus dem Land der Skipetaren; Edition Interfrom Zürich und Verlag A. Fromm, Osnabrück, 1985; 118 S., 14,– DM.

Lendvai, der sich in seinem früheren Buch „Der rote Balkan“ (1968) eingehend mit der politischen Entwicklung Albaniens nach dem Zweiten Weltkrieg befaßte, hat nicht, nur persönliche Beobachtungen zusammengetragen, sondern vermittelt auch einen geschichtlichen Überblick von Skanderbeg bis zu Enver Hodscha und stellt außerdem dessen Nachfolger Ramiz Alia vor. Sein Buch erschien gerade, als Hodscha, der dienstälteste kommunistische Parteichef der Welt, starb. Der Autor hat sich die Mühe gemacht, aus den 42 gesammelten Werken Hodschas einige Kostproben zu geben. Chruschtschow wurde von Hodscha ein Abenteurer genannt, Tschou En-lai „ein niederträchtiger Pseudo-Marxist“ und Kossygin eine „revisionistische Mumie“.

Wie kaum ein zweiter westlicher Besucher Albaniens hatte Lendvai die Möglichkeit, Regierungsmitglieder, Wissenschaftler, Schriftsteller, Direktoren von Großbetrieben, auch den Chefredakteur des zentralen kommunistischen Parteiorgans zu sprechen. Nur eines ist ihm nicht gelungen, im einzigen atheistischen Staat der Welt, der die Gläubigen rigoros unterdrückt und in dem keine Gottesdienste mehr abgehalten werden dürfen, auch nur einen der ehemaligen Geistlichen zu sprechen, die heute in Fabriken arbeiten müssen. Dieses Wagnis ging das Regime nicht ein.

Hat Albaniens neuer Parteichef die Fortsetzung der bisherigen Politik angekündigt, was vor allem bedeutet, daß er wie sein Vorgänger die Beziehungen Tiranas zu Moskau und Washington nicht normalisieren will, so scheint er in der Außenpolitik doch die Politik der kleinen Schritte fortsetzen zu wollen. Lendvai beschreibt sie in seinem Buch, so auch die Kontaktversuche zur Bundesrepublik Deutschland und die Beziehungen Albaniens zu seinen unmittelbaren Nachbarn Italien und Griechenland. Hans Lindemann