Von Barbara Lehnig

Das Vorkonzert bestreiten Grillen und Zikaden. Hoch über dem engen Tal des Magliasina-Flüßchens flattern die letzten Schwalben und die ersten Fledermäuschen dieser Nacht. Die sonnenwarmen Stufen des „Anfiteatro“ im Tessiner Bergdorf Aranno füllen sich langsam. Und während die sanfte Sommernacht ihre Dunstschleier über die dichtgestaffelten Bergkuppen legt, fließen die ersten Streichertöne eines Monteverdi Madrigals ins weite Land der blühenden Maronenbäume.

Die Dame aus Hamburg läßt ihr Strickzeug sinken. Auch die Tessiner Clique wird still. Das Premierenpublikum von „Ars et Musica“ auf den steilen Stufen des Freilichttheaters ist buntgemischt. Seit Wochen schon wirbt ein dekoratives Plakat an allen Ecken und Enden des nahe gelegenen Lugano für diese 16. Festival-Saison in den Bergen des Malcantone. Doch den meisten Tessinern scheint der kurvenreiche Weg nach Aranno zu aufwendig, die Veranstaltungen – vermutlich – zu wenig „in“ und ohne gesellschaftlichen Glanz.

Und genau so möchte die Initiatorin von „Ars et Musica“ ihr Festival erhalten. Elisabeth Nyffeler weiß, wovon sie redet, wenn sie als Flötistin mit internationaler Konzerterfahrung feststellt: „Die meisten Musik-Festwochen sind doch derweil eine geschlossene Gesellschaft. ‚Ars et Musica‘ dagegen ist für alle da, auch für Touristen, und auch für all jene, die sich sonst eigentlich gar nicht in die Welt der Musik-Feste wagen.“

Die energiegeladene, freundlich-eigenwillige Bernerin spielt sich nicht gern als Mäzenin auf. Zwar schenkt sie den Einheimischen immer Karten, überläßt deren Verteilung jedoch dem Pfarrer. Und obwohl die Tessiner Bergbewohner ein distanziertes, wenn nicht gar ablehnendes Verhältnis zu den Deutschschweizern haben, ist es Elisabeth Nyffeler im Lauf der Jahre gelungen, eine gute Beziehung zu den Ortsansässigen zu gewinnen. Und so kann es denn passieren, daß an einem gewitterträchtigen Abend, der ein weitgehend leeres Amphitheater erwarten läßt, kurz vor Spielbeginn ein stilles Grüppchen schwarzgekleideter Frauen die enge Dorfstraße zum Palazzo heraufgehuscht kommt und an der Kartenkasse ansteht. „Die Frauen von Aranno wußten, was sie in dieser regenschweren Sommernacht der großen Künstlerin ihres Dorfes und all den anderen Musikern schuldeten“, kommentierten die Luzerner Neuesten Nachrichten den Vorgang.

Elisabeth Nyffeler lebt seit nahezu 20 Jahren in der 150 Seelen zählenden Gemeinde Aranno. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für eine Musikschule war sie auf den verlassenen Palazzo am Rande des Dorfes gestoßen; ein solides, großzügiges Patrizierhaus der alten Art, mit großem Park und weitem Blick bis in die italienischen Berge. Bei den Umbau- und Renovierungsarbeiten entstand auch die Wiege von „Ars et Musica“: Der größte Raum des Hauses wurde zu einem kleinen Konzertsaal. Unter seiner rustikalen, Holzdecke wechseln während der Festival-Wochen die Kunstausstellungen, ab September treffen sich regelmäßig internationale Orchester und Musiker zu vielbeachteten Herbstkonzerten. Während des Sommers engagiert sich Elisabeth Während nicht nur für die „Ars et Musica“-Veranstaltungen, die zum Teil auch in den Kirchen der malcantonesischen Gemeinden aufgeführt werden, sie organisiert auch Meisterkurse.

Die Tessiner bilden eine verschwindende Minderheit der Festival-Besucher. Schwyzerdütsch überwiegt. Auch viele Deutsche sind da, meist in Wagen mit Tessiner Kennzeichen. Der Malcantone ist für die wenigsten Südschweizer attraktiv. Sie nehmen den Namen wörtlich. Doch der südwestlichste Zipfel der italienischen Schweiz ist kein böses, kein schlechtes Land, wie die Vorsilbe „mal“ vermuten ließe. Dennoch hält sich das Tessiner Sprichwort, das da sagt: „Dal Malcanton gan vö cent par fan vün bon“ – aus dem Malcantone braucht es hundert, um einen Guten zu finden.