Primum esse, tum philosophari: Vor dem Philosophieren, sagt Seneca, steht die Sorge um die Existenz. Geplante Stellenstreichungen lösten in Tübingen eine Diskussion um die Stellung der Philosophie in der Universität aus. "Auflösung der Philosophischen Fakultät im Gespräch – Vorrang für Technologie", Schlagzeilen der Regionalpresse, die an der in Studentenkreisen Ernst-Bloch-Universität genannten Hochschule für Aufregung sorgten.

Grund für den Wirbel waren die Pläne einer Strukturkommission, wonach die Fakultät bis 1995 zwei ihrer zehn Professuren zur teilweisen Deckung der 34 Stellen für Nachwuchswissenschaftler opfern sollte. Das hätte das "Aus" für die Selbständigkeit der Fakultät bedeutet, der nach gesetzlicher Vorschrift mindestens zehn Professoren angehören müssen.

"Davon, daß dem Fach ein Leid geschehe, kann keine Rede sein", reagierte jetzt Dekan Klaus Hartmann gereizt, und versicherte: "Wir werden schön brav überleben." Rein organisatorisch scheint das selbständige Überleben inzwischen möglich, weil die Fakultät auf anderen Wegen zu den zwei Stellen kommt. Doch ist man sich im Lehrkörper nicht mehr so sicher, ob man die Selbständigkeit überhaupt noch aufrecht erhalten will. Es sollte geprüft werden, ob das sinnvoll wäre, meinte Universitätspräsident Theis. Die Eigenständigkeit "war zunächst nur als Modellversuch geplant, und man muß sehen, ob sich das bewährt hat". Er habe den Eindruck, daß die Stimmen für einen größeren Bereich inzwischen überwiegen.

Die jetzt entfachte Diskussion zeigt, daß der Kern des Problems jenseits administrativer Zwänge zu suchen ist. Eine selbständige Philosophische Fakultät gibt es in Tübingen erst seit 1969, das ist im Vergleich zur 500jährigen Geschichte der Universität eine nicht nennenswerte Zeitspanne. Geprüft werden sollte, ob die Wirkung der Philosophie auf andere Fächer durch eine zentrale Hervorhebung in der Universität verstärkt werden könnte. Zwei wesentliche Nachteile; resümiert Rüdiger, Bubner, hätten sich aus der Selbständigkeit ergeben: zum einen die Überlastung der einzelnen Mitglieder mit Verwaltungsaufgaben und zum änderen ein Mangel an Kontakten zu Nachbarfächern.

Für eine "absolut irrsinnige Frontenbildung" hält der Tübinger Rhetoriker Walter Jens die aufgeflammte Diskussion. Die Frage laute: Wo ist der beste Platz für die Philosophie? Die Tübinger Philosophen sollten sich vielmehr überlegen, wie ein progressives Modell für sinnvolle Verbindungen entwickelt werden könnte, mit den Sozialwissenschaften etwa, den Philologien oder auch Kulturwissenschaften. Nichts wäre so schädlich, meinte Jens, als wenn die Philosophen im eigenen Saft kochten: "Als die Philosophie groß war, waren die Philosophen auch nicht unter sich."

Elisabeth Binder