Von Dieter Buhl

Der Titel der englischen Originalausgabe ist für die deutsche Version nicht übernommen worden. "Helmut Schmidt – Deutschlands Steuermann" mag den Briten als Würdigung durchaus einleuchten, im eigenen Lande des Propheten hingegen bot sich mehr Zurückhaltung an. Den Umschlag des Buches ziert deshalb neben dem bekannten Gesicht nur der Name, der allerdings nach Auskunft der Meinungsumfragen kaum glorifizierender Zusätze bedarf:

Jonathan Carr: Helmut Schmidt; Econ Verlag, Düsseldorf, 1985; 269 S., 38,– DM.

Schon der Umfang des Werkes ist eine Botschaft: In die Tradition der Mitte des 19. Jahrhunderts von England ausgehenden biographischen Literatur, die in Thomas Carlyle mit seiner Würdigung Friedrichs des Großen einen Wegbereiter fand, stellt sich der Engländer Carr nicht, obwohl auch er dem Hang zu wohlwollender Vorstellung des Objekts gern nachgibt. Aber wo Autoren vom Schlage Carlyles mit langem Atem, mit Pathos und gelegentlicher Schwülstigkeit historische Größe heraufbeschwören, schreibt der zeitgenössische Biograph knapp, um nicht zu sagen skizzenhaft. Die umweglose Darstellung erspart dem Leser Geschwätzigkeiten. Allerdings vermittelt sie ihm mitunter auch den Eindruck, an einem Schnellkurs über Helmut Schmidts Leben teilzunehmen.

Das fällt besonders auf, wenn es im Eilschritt durch Schmidts Jugend und erste Mannesjahre geht, die doch gerade bei dem Politiker besonders prägend gewesen sein müssen, der seine Landsleute so sehr mit hartem Einsatz und eiserner Disziplin beeindruckte. Das Fundament dieser Lebenseinstellung, das verstärkt durch Intelligenz, zur Basis einer großen politischen Karriere wurde, wird ja wohl nicht erst in Bonn gelegt worden sein. Auch der Krieg, der die "Generation zwischen den Generationen" (Schmidt) mehr formte als jede andere Erfahrung, bleibt in der Biographie eine Episode, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Über diesen Mangel kann selbst die Enthüllung nicht hinweghelfen (die Carrs Buch weltweit zu Aufmerksamkeit verhalf), daß Schmidts Großvater Jude war, weil der genealogische Hinweis eher Neugier weckt als befriedigt.

Mehr als die Wurzeln dieses Politikerlebens im Familienbereich oder in der politisch-historischen Umwelt interessiert den Autoren der handelnde Politiker, die Führungsfigur Schmidt. Carr räumt dabei Schmidts Verhältnis zur Sozialdemokratie den Platz ein, der ihm gebührt, denn es bleibt auch heute noch Anlaß zu Verwunderung wie Spekulation. Der Aufstieg des Kriegsheimkehrers in die Führungsriege des (damals eher pragmatischen) Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) leuchtet noch am ehesten ein, weil in diesem Sammelbecken nüchterner, kriegsgestählter Jungakademiker Redegewandheit, schnelle Auffassungsgabe und Meinungsfreude gefragt waren, wie sie Schmidt bieten konnte.