Von Uwe Knüpfer

An der Wand über Hans Wortbergs schwerem Schreibtisch, neben der ererbten Standuhr, hängt gerahmt der Spruch: "Meine Eltern trugen das Bauernkleid seit Menschen Hafer säten,... Um ihre Stirn der ew’ge Wind, Der nahe Duft der Erde, Der Atem ihrer Pferde, Nun durch all mein Blut rinnt." Auf dem Schreibtisch steht ein flacher Plastikkasten, vielleicht zehn mal vierzig Zentimeter groß. Darauf: Tasten wie an einer Schreibmaschine, nur zahlreicher. Ein Kabel verbindet den Kasten mit einem Fernsehgerät. Hans Wortberg ist einer von hundert deutschen Landwirten, die "Btx Agrar" erproben: Bildschirmtext für Bauern.

Hans Wortberg ist ein Pionier. Ein Landwirt der Zukunft, wie ihn sich diejenigen wünschen, die in der deutschen Landwirtschaft das Sagen haben. Das sind, und sie sprechen meist, als hätten sie nur eine Stimme: der Deutsche Bauernverband, der Verband der Landwirtschaftskammern, die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft, der Raiffeisenverband (alle vier zusammengeschlossen im Zentralausschuß der Deutschen Landwirtschaft) sowie der Verband der Chemischen Industrie. Dieses seit Jahrzehnten eingespielte Interessenkartell plant die neuerliche Modernisierung der Agranndustrie. Wiederum ganz nach dem Vorbild anderer Großindustrien; diesmal mit Hilfe des Computers.

Warf der Bauer früher einen Blick aus dem Fenster oder in den Hundertjährigen Kalender, wenn er wissen wollte, ob es Zeit war zu säen, zu düngen oder zu ernten, so blickt er künftig, falls die berauschende Vision des Kartells Wirklichkeit wird, auf den Bildschirm, holt sich seine Anweisungen, pardon: Anregungen, per on-line-Anschluß von der zentral-agrarischen Datenbank. Bits und Basic statt Blut und Boden.

Der Ausweg aus der Krise der Landwirtschaft scheint gefunden. Aus einer Dauerkrise, die den Bauern doppelt zwickt: Es geht ihm ökonomisch immer schlechter, und gleichzeitig muß er sich als Umweltfrevler schmähen lassen.

Ständig klagen die Interessenverbände der Bauernschaft über sinkende Einkommen ihrer Mitglieder. Deren Schuppen stehen voll von teuerstem Gerät; die Mechanisierung der Landbewirtschaftung ist auf die Spitze getrieben, niemand mehr glaubt, auf diesem Wege sei die Produktivität der deutschen Bauern weiter steigerbar.

Fast eine Million Bauern haben seit 1950 schlapp gemacht; die Zwänge der damals geforderten Modernisierung haben sie überfordert. Die – bis heute – ökonomisch überlebten, mußten Schulden machen. Weil der Betriebserlös oft langsamer wächst als Schuldsumme und Zinsniveau, schlingern viele Bauern dauernd nur so eben am Rand der Pleite entlang. Knechte und Mägde haben sie längst entlassen, und nicht wenige suchten sich selbst zusätzliche Arbeit außerhalb des angestammten Hofs. Euphemistisch nennt man sie die Nebenerwerbslandwirte. Solange es in der Industrie noch Arbeit gab, nahm auch ihre Zahl ständig zu.