ZDF, Freitag, 19. Juli, 17.10 Uhr: "Dampfer-Willis Sohn" Stummfilm mit Buster Keaton

Wer erinnert sich noch an die ersten Stummfilmsendungen im Fernsehen? Vom Hessischen Rundfunk wurden sie ausgestrahlt in den späten sechziger Jahren. "Es darf gelacht werden" hieß die Reihe. Einmal trat in dieser Sendung ein alter Mann als Spaßmacher auf mit flachem Hut auf, dem Kopf, der sollte so tun, als ob er sich ins Kino einschleicht: es war der leibhaftige Buster Keaton, zu dieser Zeit völlig verarmt und vergessen. Man wollte ihm ein paar Mark zukommen lassen. Der Auftritt war absolut nicht komisch, er war jämmerlich, unwürdig und erschütternd.

Das Komische hat in Deutschland immer den Geruch des Platten. Ich glaube, Bert Brecht hat mal gesagt: Der Publikumsschulmeister fühlt sich nicht ernst genommen, wenn er merkt, daß er lachen muß. Das ist wohl auch der Grund, weshalb man Keaton- oder Chaplin-Filme bei uns "Klamotten" nennt und gern ins Nachmittagsprogramm steckt.

Letzten Freitag war der Film "Steamboat Bill, Jr." zu sehen, idiotischerweise "Dampfer-Willis Sohn" genannt. Dieser Film ist ein besonderer Leckerbissen. Es geht darin um das Romeo-und-Julia-Motiv. Zwei Liebende, Buster Keaton und Marion Byron, können nicht zueinanderkommen, deren Väter sind nämlich Besitzer von Flußdampfern sehr unterschiedlicher Qualität: Der eine ist reich und der andere arm. Die alternierende Story ist schachbrettartig gebaut, die Handlung spitzt sich Schritt für Schritt zu. Alle Konflikte lösen sich schließlich mit einem schicksalhaften Orkan, der überdies Anlaß ist, tolle Tricks vorzuführen: Bäume fliegen durch die Luft, Häuser stürzen um. Keaton fährt, wie in dem Märchen "Vom einem, der auszog, das Gruseln zu lernen", mit seinem Bett durch die Gegend und wird von einem Giebel fast erschlagen: genau berechnet bleibt er in einer Fensteröffnung der herunterklappenden Wand stehen. Man muß es gesehen haben.

Zu Beginn des Films spielt Keaton ein naives, nicht auf diese Welt passendes Gotteskind, einen ungeschickten Taugenichts – zum Schluß rettet er als Mann der Tat den Vater aus dem Gefängnis, die Geliebte vom Dach eines in den Fluten versinkenden Hauses, den reichen Schwiegervater aus dem Wasser und sogar den Pastor, den man zum Happy-End braucht: Am Ende wird das Schwache doch das Starke sein (Laotse).

Bei Keaton ist die Freude immer ganz rein. Nicht so wie z. B. bei Charlie Chaplin, der oft sentimental und auch kitschig wirkt. Zugeben muß man, daß es Längen bei Keaton gibt, Durchhänger, wie man sagt. Da geht man dann schon mal ein Bier holen. Aber auch bei den Durchhängern gibt es für uns Heutige eine Menge zu sehen. Das ganze Spektrum der zwanziger Jahre original. Dazu zeitlose graphische Qualitäten von übertragbarer Symbolik: ein weißes Brett in schwarzer Nacht von einem Schiff zum andern gelegt, über den Abgrund hinweg. Das verstehen wir sofort.

Warum will es uns heute nicht mehr so recht gelingen, komische Filme zu machen? Es mißlingt immer dann todsicher, wenn alte Effekte und Gags nachgeahmt werden. Der Stummfilm mit seinen kuriosen Einfällen lebt von primitiver Technik und von dem Spaß, den die Akteure damals offensichtlich bei der Sache hatten. Heute hat sich das Komische auf das Gebiet des Absurden verlagert. Das Lachen ist uns nicht vergangen, aber wir haben einen anderen Grad der Bewußtheit erlangt sowohl hinsichtlich des Filmemachens als auch des Zeitgefühls.

Walter Kempowski