Von Karl-Heinz Wocker

London, im Juli

Der London-Tourist, der die Themse auf der Hungerfordbridge überquert (Anspielungen auf den sinkenden Lebensstandard unbeabsichtigt), erblickt am Südufer vor den Konzertsälen eine riesige, popfarbene Torte. Sie entpuppt sich als ein Ausstellungsrund, in dessen Inneren man die Errungenschaften des Greater London Council (GLC) bestaunen soll. Dieser Stadtrat der Groß-Kommune, zuständig für die Belange der 32 Teilgemeinden der Hauptstadt, ist ein aussterbender Dinosaurier. Frau Thatcher, als weiblicher Drachentöter, hat ihm das Gesetzesschwert tief in die Brust gestoßen. Im April nächsten Jahres zerfällt London in seine Bestandteile: fast drei Dutzend Dörfer und kein Dach mehr.

Der GLC hat sein Bestes getan, dies zu verhindern. Dabei hatte die nichtsozialistische Minderheit der Hauptstadt (Labour hat 48 der 92 Sitze) in den Jahren, da sie selbst die Mehrheit besaß, nie über eine Selbstauflösung geredet. Der GLC ist nämlich ein Geschöpf der konservativen Regierung (1963), also keine Erfindung der Linken. Zahlreiche Abgeordnete von Frau Thatchers Partei in Unter- und Oberhaus waren unlängst auch gar nicht so sicher, ob es sinnvoll sei, zwei Jahrzehnte gewachsener Kommunalstruktur wieder zu zerstören.

Wer sorgt also vom nächsten Jahr an für die Feuerwehr in London? Wer subventioniert Theater und Konzerte? Die Themse fließt an den Grenzen vieler Teilgemeinden vorüber, aber nicht an allen: Wer fühlt sich da demnächst zuständig? Dann gibt es noch Bus und Untergrundbahn, Spezialkrankenhäuser, Müllabfuhr – lauter Dienstleistungen der gesamten Stadt, nicht nur einzelner Bezirke. Auch jetzt wieder droht das Zerstören leichter zu sein als der Wiederaufbau. Aber die Dame aus der Kleinstadt Grantham in Lincolnshire (rund 30 000 Bewohner) ist in diesem Fall entschlossen wie in keinem anderen – die Inflation ausgenommen, aber da droht sie zu versagen.

Die kommunalen Wasserköpfe müssen, so will es Frau Thatcher, endlich platzen. Sie sind nach ihrer Meinung der Inbegriff sinnlos wuchernder Bürokratie. Auch für Industrie und Handel sind es monströse Gebilde, die alles per Abstimmung im Rat statt per Unterhaltung beim Lunch regeln wollen. Durch ihre Eigenstärke widersprechen sie tatsächlich der zunehmenden Zentralisierung eines ohnehin zentralistischen Staates, der nicht die deutschen Länderebenen zwischen Regierung und Kommune kennt oder die amerikanischen Bundesstaaten.

Die Engländer sind Städter. Läßt man Schottland und Wales beiseite, so gibt es auf der Insel 111 städtische Verwaltungen mit mehr als 100 000 Einwohnern. In der Bundesrepublik sind es (mit Berlin) nur 63. Der Unterschied ist wichtig für die Revolution, die Frau Thatcher jetzt über ihr Land bringt. Nicht nur in London, auch in sechs anderen Ballungszentren wird nächsten April die gewählte Kommunalvertretung abgeschafft. „Todesstoß für die örtliche Demokratie“, rufen die Gegner; „Rückkehr zur überschaubaren Größe“, sagen die Verteidiger. Rein zufällig geht es in allen sieben Fällen um Gemeinden, in denen die Labour Party die Mehrheit hat. Nicht zufällig geben diese Stadträte mehr Geld aus, als sie nach dem Willen der Regierung sollen.