Paraguay – wie die Willkür einem Volk das Rückgrat bricht

Von Horst Bieber

Luz Marina sitzt seit mehr als drei Jahren im Buen Pastor (Guter Hirte), dem Frauengefängnis von Asuncion. Sie ist nie verurteilt worden, es hat keinen Prozeß gegeben und wird auch keinen Prozeß geben. Die dreißigjährige Frau hat auch kein Verbrechen begangen, ihre "Schuld" liegt einfach darin, daß sie auf Männer anziehend wirkt (oder wirkte, drei Jahre in einem paraguayischen Gefängnis verändern jeden Menschen).

Einer ihrer Liebhaber – nennen wir ihn Antonio – stammte aus guter Familie, war reich, verwöhnt und eifersüchtig. Er vertrug es nicht, daß sie ihn wegen eines anderen – nennen wir ihn Carlos – wegschickte. Antonio verfolgte das Paar so lange, bis Carlos in einer Auseinandersetzung Antonio umbrachte (und dann außer Landes floh). Seitdem sitzt Luz Marina im Gefängnis. Denn Antonios Mutter verfolgte sie mit ihrem Haß als "geistige Urheberin" des Mordes an ihrem Sohn und hat geschworen, Marina werde im Gefängnis bleiben, solange sie – die Mutter – lebe.

Die Drohung ist so lächerlich nicht. Antonios Mutter hat Geld, genug, um bisher jeden Richter zu bestechen, damit kein Prozeß stattfindet ("geistige Urheberschaft" ist selbst nach paraguayischen Maßstäben nicht strafbar). Und die Richter nehmen das Geld, einmal sowieso und zum anderen, weil sie die Familie Antonios kennen: Erstens ist der neue Polizeipräsident von Asuncion ein enger Freund der Familie, die zweitens geschäftlich eng mit der staatlichen Ölgesellschaft verbunden ist, an der auch Don Alfredo Stroessner, Präsident von Paraguay, beteiligt ist.

Don Alfredo könnte nun, als Herrscher von Stroesslandia, mit einer einzigen hingeknurrten Bemerkung Luz Marina befreien, Justiz hin, Recht her. Aber so absolut herrscht er nun nicht, daß er keine Rücksichten nehmen müßte: auf die großen Familien, das große Geld, das Militär, die Polizei. Also läßt er dem "ley del mbareté" seinen Lauf, was mit dem "Gesetz des Stärksten" nur unzureichend übersetzt ist. Das Guarani-Wort drückt sowohl Furcht wie Resignation vor der Allmacht aus.

Ein anderer Fall. Einer berufstätigen, unverheirateten Frau wird das Auto gestohlen. Autodiebstahl ist ein lukratives Geschäft; in den Zeitungen werben Firmen kaum verhüllt fürs Umspritzen, Ausfräsen der Motor- und Fahrgestellnummern, Neuprägen plus entsprechender Papiere. Deswegen bringen viele Besitzer an versteckter Stelle eine eigene Nummer oder ihren Namen an. Ein paar Tage später erscheint eine Freundin und sagt aufgeregt: "Ich glaube, ein paar Straßen weiter steht dein Wagen." Sie marschieren hin, der "Eigentümer" spielt sich erst auf und wird dann an Hand der versteckten Kennzeichnung überführt.