Hervorragend

Matthias Frey: „Ohrjazzter“. Gleich die ersten Töne vom präparierten Klavier, zart und drohend, geben den Spieler, also den Komponisten preis: niemanden anders als Matthias Frey. Doch dann ändert sich die Stimmung schnell und radikal: scharf akzentuierte Passagen, ungestüm vorgetragen, zerrissen. Und dann mündet das Vorspiel in ein dramatisches, hektisch und wild vorgetragenes, verbittertes, zorniges Lied: „Meute – Köder – Jäger – Opfer – ‚Die Leute‘, das ist jeder, bist du!“ Aber noch mehr als hier unter dem Titel „Lemminge“ verbinden sich Musik und Text, Instrumentalspiel und Gesang unter dem verharmlosenden Titel „Keine Bange“ miteinander zu einem klangmalerischen Rock-Jazz-Melodram über die Angst, die Angst im Walde („Das bildest du dir nur ein“), im Keller („Das bildest du dir nur ein“), in Behörden („Das bildest du dir nicht ein! – Halt es auf!“). Hier wie in den anderen drei dramatischen, durchkomponierten Liedern fällt die faszinierende Symbiose der Sängerin – die ihre Stimme manchmal wie ein Instrument, stets aber mit der Emphase einer Schauspielerin gebraucht – mit dem farbenreichen Klangapparat auf. Es ist schwer, irgendeine Rubrik für diese expressive, künstlerisch sehr ehrgeizige Vorführung zu finden: erregende Bilder, Seelenzustände, Visionen. Die poetischste, vielerlei Assoziationen herausfordernde Komposition hat den Titel „Die Berge sind wir selbst“ und diese eine Textzeile: „Die Erde ist aus Glas! Ich hab’ den Stein schon in der Hand.“ Der Komponist Matthias Frey spielt Klavier (und Synthesizer), Ferdinand Frosch ein reichhaltiges Perkussions-Instrumentarium, Bernd Konrad Saxophone. Die tiefe Altstimme gehört Maria de Alvear – die drei hätten für ihr Projekt keine bessere, keine überzeugendere Interpretin finden können. Wer sie hört, fühlt sich aufgerufen, die Texte zu lesen, zum Beispiel: „So viele Taubenzüchter und keine Friedenstaube...“ (Rillenwerke MF 8510; nur über Zweitausendeins, Postfach, 6000 Frankfurt am Main) Manfred Sack

„Bach Handel 300“. Zum erstenmal kam Bach ins Land der Elektronen Ende der sechziger Jahre. Der Amerikaner Robert Moog hatte seinen Synthesizer gebaut, ein kompliziertes Gerät mit manueller Registration der Analog-Technik noch. Walter (heute Wendy) Carlos hat Sinfonien, Inventionen und Konzert-Sätzen in einem Vielfach-Playback aufregende neue Klänge gegeben. Inzwischen machten die Digitaltechnik und der Computer vieles innerlich zwar noch komplizierter, äußerlich aber weitaus leichter – das Programm, einmal geschrieben und jederzeit auszubauen, zu verbessern, zu glätten oder zu komplizieren, liefert das „ganze“ fertige Stück, wobei die neuen Materialien, Klänge, Hüllkurven, Frequenzgemische auf das ursprüngliche Material Instrument oder menschliche Stimme zurückgreifen. Graziano Mandozzi hat mit Bach- und Händel-Hits sein Wesen getrieben, hat die Stücke strukturell aufgesplittet und in neue Klangfarben übertragen. Die Carlos/Moog-Version kann nicht vergessen werden; aber Mandozzi hat mit einer meisterlichen Akuratesse gearbeitet und manches Neue, vor allem aber die Brillanz gefunden, die den Stücken angemessen ist. Eine Platte, um die CD-Technik schätzen zu lernen, (DG 415 110)

Heinz Josef Herbort,