Armin Kerker: Die Themen Ihrer literarischen Arbeit stellen durchweg radikale Abrechnungen mit Verhältnissen dar, für die – ja, wer eigentlich verantwortlich ist? Einige Kritiker werfen Ihnen sogar durchgängigen Pessimismus vor. Stimmt das eigentlich? Ist „Die strafversetzte Revolution“ der Beweis für das Scheitern der „afrikanischen Revolution“? Oder muß man nicht eher konstatieren, daß – solange öffentlich darüber in dieser Form nachgedacht wird – mehr Hoffnung für die Zukunft besteht?

Henri Lopes: Für den Romancier sind wir alle die Verantwortlichen. Er selbst zweifellos auch, aber vor allem der Leser, an den er sich wendet. „Die strafversetzte Revolution“ ist ja kein politischer Essay; es ist in erster Linie ein Roman, der das Leben einer bestimmten Epoche im Kongo beschreibt. Er kommentiert und bewertet Situationen, die beklagenswert sind, sich aber auch unter anderen Umständen so hätten abspielen können. Ich behaupte, daß bereits der einfache Übergang von der kolonialen zur unabhängigen Gesellschaft eine außergewöhnliche Revolution darstellt, derer sich allerdings gerade diejenigen, die sich am meisten darauf berufen, oft am wenigsten bewußt sind. Die Kolonisation beruhte auf einer Reihe von Vorstellungen, von denen eine lautete: Die Schwarzen – wären wir blau gewesen, hätte es „die Blauen“ geheißen – besitzen keine Zivilisation. Sie sind Wilde, die man erziehen muß, also: die neuen „Barbaren“. Das ist ja nichts Neues, das gab es ja schon in der Antike, daß alle anderen als ungebildete Barbaren galten. Es hat aber bei uns dazu geführt, daß man sich unter allen Umständen den Vorstellungen der Kolonisatoren – auch auf künstlerischem Gebiet – anzupassen und alles das, was tatsächlich zu uns gehörte, zu kaschieren hatte. Nehmen Sie mich selbst als Beispiel. Ich bin noch nicht allzu alt. Aber ich gehöre einer Generation an, für die das Höchste der Gefühle, der Gipfel ihrer erträumten Karriere darin bestand, Lesen und Schreiben zu lernen und eine Art Bürogehilfe innerhalb der Kolonialverwaltung zu werden. In dieser Beziehung hat sich ja nun wirklich viel verändert. Aber der Gatsé der „strafversetzten Revolution“ stellt nun ganz einfach fest, daß Leute, die sich nur an den revolutionären Jargon klammern, am Ende davon überzeugt sind, daß diese Phrasen tatsächlich in sich die Lösung der Probleme bergen. In Wirklichkeit jedoch liegt die einzig mögliche Lösung in uns selbst und setzt eine tägliche Vertiefung dessen voraus, was wir tun und womit wir konfrontiert sind.

Natürlich hat man mich oft gefragt, ob ich eine pessimistische Weltsicht habe, weil meine Romane nicht unbedingt die lustige Seite des Lebens zeigen. Aber ich fürchte, daß bei den „positiven“ Romanen, bei denen zum Schluß alle glücklich und zufrieden sind, der Leser sich beruhigt schlafen legt, weil die Welt wieder einmal in Ordnung ist. Während die Literatur, die – sagen wir – schwer verdaulich und irritierend ist, in sich den Keim zur Veränderung der Welt enthält, denn sie entläßt den Leser unbefriedigt, er möchte die Dinge ändern. Und das ist mein eigentlicher Optimismus.

Armin Kerker: Der Kongo, so könnte man fast meinen, ist so etwas wie ein Zentrum einer ganz besonderen, sehr luziden und außerordentlich politischen Literatur innerhalb des Gesamtspektrums Afrikas. Damit meine ich nicht Literatur als politisches Manifest, sondern eben diese literarisierte, aber stets durchschimmernde Politik im Werk so unterschiedlicher kongolesischer Autoren wie etwa Sony Labou Tansi (dessen jüngster Roman, „Die heillose Verfassung“, gerade in deutscher Übersetzung erschien), Felix Tchicaya U Tam’si, Emmanuel Dongala oder auch Sie selbst. Woran liegt das eigentlich, und ist es denkbar, daß die Tatsache ihres Wegganges aus dem Kongo unvorhersehbare Folgen für die kulturpolitische Praxis in Ihrem Land hat?

Henri Lopes: Nein. Die anderen schreiben weiter und ich muß ebenfalls weiterschreiben. Für den permanenten politischen Hintergrund der kongolesischen Literatur gibt es eine einfache Erklärung. Das afrikanische Leben selbst steckt andauernd voller Politik. Wir werden, ob wir wollen oder nicht, von diesem politischen Kontext unseres Landes und heute sogar der ganzen Welt bestimmt. Zweifellos deswegen, weil eines der Charakteristika des Kolonialismus darin bestand, uns jedes politische Recht abzusprechen, und weil wir unsere Unabhängigkeit’ politisch erkämpfen mußten. Das hat zu einschneidenden sozialen Umwälzungen geführt. Diejenigen, die sich auf einmal an der Macht befanden, wurden dadurch in den meisten Fällen aus ihrem bisherigen sozialen Umfeld abrupt herausgerissen. Und Zuschauer wie Akteure haben eigentlich sehr schnell daraus den Schluß gezogen, daß Politik weniger ein Mittel zur Durchsetzung von Idealen sei als eine Möglichkeit, besser zu leben. Das hat dazu geführt, daß sich eine ganze Reihe von Leuten in die Politik gestürzt haben, die eine politische Sprache benutzten, dabei jedoch ganz andere Dinge im Hinterkopf hatten. Selbst der Mann auf der Straße, der mit dieser Welt, die ihm unverständlich ist, nichts zu tun haben will, findet sich plötzlich gegen seinen Willen im Vorhof der Politik wieder. Nebenbei gesagt, ist das ein Thema, das ich in naher Zukunft literarisch behandeln möchte.

Armin Kerker: Hilft Ihnen die praktische politische Erfahrung dabei, Ihren Worten „die Kraft der Magie“ zu verleihen, wie Sie es in Hamburg ausgedrückt haben, oder ist es Ihre literarische Erfahrung, die Ihnen zu dieser politischen Luzidität verhilft? Ich stelle die Frage deshalb, weil Sie für mich eines der nur allzu seltenen Beispiele eines Literaten sind, der in der politischen Verantwortung steht. Und vielleicht liegt einer der Gründe für die miserable Politik, unter der wir im Augenblick fast überall zu leiden haben, darin, daß sie eben zu selten auch von den „hommes des lettres“ gemacht wird?

Henri Lopes: Sicher, das ist der alte Traum Platons. Ich glaube, er hat sich in der Geschichte oft wiederholt. Die Literaten der Renaissance z. B. waren, glaube ich, Leute der Kultur, der Diplomatie und der Tat zugleich. Auch in den Ländern der Neuen Welt, ich denke insbesondere an Lateinamerika, gibt es diese Symbiose zwischen Literatur und Politik im extremen Umfang. Eine ständige Vermischung zwischen beidem, in einem solchen Maß, daß man kaum noch trennen kann. Sie können Gabriel García Marquez nicht mehr lesen, ohne das Drama Lateinamerikas vor Augen zu haben, und was Sie in der Presse über Lateinamerika lesen, läßt Sie unweigerlich an Marquez und all die anderen großen Namen der lateinamerikanischen Literatur denken, die es immerhin erreicht haben, daß man sich darüber nicht mehr wundert, und die einem den Eindruck vermitteln, daß man dank ihrer Literatur besser versteht, was sich in ihren Ländern abspielt.