Von Ulrich Schiller

Selbst nach drei Jahrzehnte langer Ehe sind Ronnie und Mommy immer noch verliebt", schrieb Reagan-Biograph Laurence Barrett, nachdem er beobachtet hatte, wie ausdauernd die beiden sich küßten, als die First Lady für eine Woche nach London abreiste. Das war 1981. Vier Jahre später sagen die Amerikaner immer noch in der so unübersetzbaren Wendung: "They still have their romance going" – die Liebesaffäre geht weiter. Bis an die Tür zum Operationssaal hat Nancy ihrem Mann die Hand gehalten. Sie dekorierte sein Krankenzimmer mit Familienphotos und Bildern der kalifornischen Ranch. Sie war zur Stelle, als der Krebsbefund enthüllt wurde, und sie machte gleich danach in Vertretung des Präsidenten die Honneurs bei einem Diplomatenempfang im Weißen Haus. Und Ronald Reagan, über dessen Gedankenarbeit anläßlich der plötzlichen Zäsur in seinem Leben und seiner Amtsführung noch immer gerätselt wird, enthüllte einen Teil davon in der spezifischen, für Europäer so schwer nachvollziehenden Weise: in Form einer höchst persönlichen, überaus staatspolitisch eingefärbten Liebeserklärung.

Selbst am Tage seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wollte er nämlich den allsonnabendlichen Radiokommentar nicht streichen. Da ihm offenbar das Herz voll war, sagte er: "First Ladies sind weder gewählt noch beziehen sie ein Gehalt. Meist waren sie Privatpersonen, die zu einem Leben in der Öffentlichkeit gezwungen wurden. Für mich waren sie alle Heldinnen: Abigail Adams half Amerika zu erfinden. Dolly Madison half es zu beschützen. Eleanor Roosevelt war FDRs (Franklin Delano Roosevelt) Augen und Ohren. Und Nancy Reagan ist mein ein und alles." Mit heiser werdender Stimme fügte Reagan hinzu: "Nancy, wenn ich auf die vergangenen Tage zurückblicke, werde ich mich immer Deiner Ausstrahlung, Deiner Kraft und Hilfe und Deiner Einschaltung in die Aufgaben der Nation erinnern. Für mich selbst und für die Nation sage ich: Hab’ Dank, Partner, Dank für alles!"

Showbusiness auch dies? Solche Verdächtigungen werden nie verstummen, doch bedürfte es wohl übermenschlicher Kräfte, die Rolle von Liebenden in antiseptischer Atelieratmosphäre lebensecht über dreißig Jahre durchzuhalten. Wenn heute in Amerika über die First Lady geredet und geschrieben wird, dann steht in einer Zeit, da jede zweite Ehe geschieden wird, die vom Alter offenbar unbeeinflußten Liebesbeziehung der Reagans als Grundtatsache immer im Hintergrund. Für Reagan ist Nancy sein "ein und alles", für Nancy gilt, was der kalifornische Familienfreund und langjährige Berater im Weißen Haus, Michael Deaver, einmal so ausdrückte: "Wenn ihr Mann glücklich ist, ist Nancy glücklich. Wenn Ronald Reagan Besitzer, eines Schuhladens wäre, würde Nancy für Schuhe werben." Das Nachrichtenmagazin Time hat diese Beobachtung Deavers vor einem halben Jahr gleichsam ins Politische übersetzt- und aktualisiert. In seiner Titelgeschichte war damals zu lesen, daß es Nancy Reagan gewesen sei, die den Präsidenten von der äußersten Rechten zur politischen Mitte hin gedrängt habe, denn "mehr als alles andere möchte sie, daß die Öffentlichkeit nicht aufhört, ihren Mann zu vergöttern".

Das Magazin schrieb auch, Frau Reagan sei jetzt für den Präsidenten keine Belastung mehr, sondern "ein politisches Plus". Eine NBC-Fernsehdokumentation zu Person und Rolle Nancy Reagans kam kürzlich zu dem Resultat, daß die First Lady nicht mehr wie einst nur schlicht die Frau des Ronald Reagan, sondern eine eigenständige Persönlichkeit sei, daß sie über Macht und Einfluß verfüge und beides auch sehr möge. Die New York Times stellte vor einigen Wochen die "Washingtonisierung" der Nancy Reagan fest, und Demoskopen haben mitgeteilt, daß ihre Popularität mit 82 Prozent jetzt höher liege als die des Präsidenten. Was hat sich da eigentlich geändert? Hat Nancy sich geändert, hat sie über die Jahre zu größerem Format gefunden? Oder hat sich nur das Bild von ihr geändert?

Die Anfangszeiten in Washington waren, was ihren Eindruck in der Öffentlichkeit anging, eine Katastrophe. Der größte Hit in den Souvenirläden von Georgetown war damals eine Ansichtskarte, die eine majestätische Frauengestalt in Brokat, mit Goldkrone und weißem Hermelin zeigte. Es war nicht die Königin Elizabeth, sondern Queen Nancy. Selbst im Geschäftsordnungsausschuß des Repräsentantenhauses war diese Postkarte ans Schwarze Brett gespießt. Daß Nancy zur Inauguration mit einem 25 OOO-Dollar-Glitzergewand aus Kalifornien eingeflogen war, erregte ebenso Anstoß wie eine ihrer ersten Amtshandlungen im Weißen Haus: die Anschaffung von neuem Porzellan für über 200 000 Dollar. Der Ausdruck für Porzellan ist china, was das Wortspiel sarkastischer Schlagzeilen von Nancys new china policy möglich machte. Johnny Canon, NBC-Showmaster, glossierte spitz: "Ihr bevorzugtes Automatenfutter ist – Kaviar."

Natürlich waren es nicht nur die Modellkleider, die reichen kalifornischen Freunde und ihre Parrs, die die Presse zu aggressiver Kritik herausforerten. Es war auch die Tatsache, daß Nancy den Präsidenten über Gebühr gegenüber der Presse abschirmte und die Vermutung, daß sich hinter maskenhaftem Lächeln Unsicherheit, ja Hohlheit verberge. Ihr blauäugig-starrer Blick, wenn sie ihren Göttergatten anhimmelte, hieß im Reporterjargon the glaze.