Wenn es gar nichts mehr zu besprechen gibt, redet man vom Wetter. Wie war denn, zum Beispiel, das Wetter, als der junge Törleß, begleitet von seinen Eltern, die Residenz verließ, um sich in ein berühmtes Konvikt auf dem Land zu begeben? Schon in Musik Erzählung über die „Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (und auch später noch, als Volker Schlöndorff mit der Verfilmung der Novelle 1965 sein Regiedebüt gab) war der Himmel grau in grau, ein Wetter zum Sterben. Tiefe Melancholie lastetete über der Landschaft, als die Hofratsfamilie von Törleß an niedrigen Häuschen vorbei durch das trostlos flache Burgenland zum Internat kutschierte. Im bleichen, kraftlosen Licht dieses Tiefdruckgebietes hatten Gegenstände und Menschen „etwas Gleichgültiges, Lebloses, Mechanisches an sich, als seien sie aus der Szene eines Puppentheaters genommen“. So konnte man die Blasiertheit des jungen Matthieu Carrière, der den Törleß spielte, mühelos mit Musil begründen.

Zwanzig Jahre nach Schlöndorffs „Törleß“ erzählt wieder einmal ein Debütfilm von der Zeit der Schule and den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Der Zögling heißt jetzt Karl. Noch immer ist die Wetterlage auffallend schlecht. Nur noch eine Spur von Sonne: weißes Licht hinter einem Wolkenschleier. Wenn Maria Kniiiis Film „Lieber Kail“ beginnt, sieht man nichts als Himmel und ein Wetter, das zum Sauwetter umschlägt. Fürchterliches müßte geschehen: So einen Symbolhimmel, so eine gereizte Stimmung, direkt aus der deutschen Literatur in das deutsche Programmkino übernommen, halten nur große Geschichten aus.

Aber dann erzählt Maria Knilli, die nur fünf Jahre älter ist als ihr Titelheld, vom Leben des Primaners Karl Hutter. Der Vater besitzt in einer österreichischen Kleinstadt einen Papierwarenladen nebst Leihbücherei. Sein Sohn Karl hat Probleme, das Abitur zu bestehen. Törleß bemühte sich noch, die imaginären Zahlen zu begreifen. Karl scheitert bereits an der Integralrechnung. Sein Vater ist kein Hofrat, sondern ein ganz normaler Kleinbürger, der aus seinem Sohn einen Arzt machen will. Natürlich hat Herr Hutter die Tendenz, sich durchzusetzen und für die Sensibilitäten seines Sohnes wenig Sinn. Auch Frau Hutter ist keine wirklich einfühlende Mutter, eher schon eine terroristische Glucke. Aber das kommt schon mal vor.

Die Hutters gäben gern alles für ihren Sohn, auch wenn sie nicht so viel haben, wie der Hofrat Törleß. Freilich kann das eine eigene Last sein. Schon der Schüler Moritz Stiefel hat in Wedekinds „Frühlings Erwachen“ gejammert, daß er Eltern hätte, „die ihm ihr Alles opfern“: „Wenn ich durchfalle, rührt meinen Vater der Schlag, und Mama kommt ins Irrenhaus. So was erlebt man nicht.“ Aber das war 1906.

Frau Hutter kocht. Karl ißt nicht. Er läuft durch die endlosen Gänge der Schule, aber mit geschlossenen Augen, wie in Trance. Wenn er sein Abitur bestanden hat und in Graz studiert, ist er neuerlich befremdet. Er tanzt in einer Open-air-Disco. Aber bald schon taumelt er, stürzt zu Boden, wie einige Szenen zuvor, als er ohnmächtig hinfiel, weil er sich seiner Mathematikschwäche bewußt wurde. Auch die Kamera kommt dann ins Trudeln, sucht immer neue Blickwinkel. Sonst bewegt sie sich schleppend, schwermütig und immer bedeutungsvoll. Selbst Frau Hutters Küche wird auf diese Weise zur Kulisse für ein Melodram.

Hinter Kunsthandwerk und Bratkartoffeln versteckt Maria Kniiii ihr Geheimnis: Der liebe Karl, der kleinste Nenner aus Moritz Stiefel und dem jungen Törleß, ist eine blasse Klischeefigur, ein heruntergekommenes Zitat. Törließ hatte „eine besondere Art der sinnlichen Veranlagung, welche verborgener, mächtiger und dunkler gefärbt war als die seiner Freunde“. Er erlitt homoerotische Irritationen und fand sich in einer Folterkammer der Schule wieder, wo Mitschüler Selbstjustiz übten und Diktatur spielten: düstere Vorahnungen. Die Gebrochenheit des lieben Karl ist larmoyant, dient einem Regiedebüt. Aus der hypersensiblen Blasiertheit des jungen Törleß ist die langweilige Borniertheit des Karl Hutter geworden. Allerdings zieht sich der junge Schauspieler Ulrich Reinthaller überraschend gut aus der Affäre.

Törleß’ Geschichte wird in diesem Film fad und prätentiös. Die Schülertragödie, schrumpft zu einem jener unzähligen kritischen Fernsehspiele, die Sache der ARD und des ZDF sind. In seiner stilistischen Bemühtheit erinnert er an die ästhetische Radikalität des deutschen Stadttheaters.