Von Martin Lüdke

Woher kommt das Unbehagen? Ich habe diesen "epischen Versuch zur Philosophie der Psychologie" mehrfach gelesen, mit großem Vergnügen, habe mich immer wieder an den Formulierungen erfreut, glanzvoll blendenden Aphorismen; ich habe mich, nebenbei, mit dem "Grundprinzip der österreichischen Lebensphilosophie" vertraut gemacht, "das heißt mit einem ernsten Unernst oder besser unernsten Ernst, aus dem sich der welke Geist in jeder Richtung gehen läßt, bis alles denkbar wird, aber nichts mehr gilt"; ich habe die Konstruktion dieses Unternehmens bewundert und das Wissen des Autors, seine Vertrautheit mit dem Bildungsgang der Aufklärung, seinen überlegt/überlegenen, dabei häufig auch spielerischen Umgang mit unserer Bildungsgeschichte; ich habe dem Autor hoch angerechnet, daß er das "Projekt der Aufklärung" – nach wie vor – für "unvollendet" hält, mithin nicht, wie es derzeitiger Mode entspricht, für alteuropäisch obsolet; daß er, in der Nachfolge von Horkheimer und Adorno, die Selbstaufklärung der Aufklärung weiterbetreiben, die unterdrückte Natur (auch des Subjekts) gegen den naturwüchsigen Gang der Dinge ins Licht setzen, schließlich "Körpersprache" und Begriff zur Einheit bringen will; ich habe dem Autor bei seinem ersten Roman einige holprige und auch einige schlüpfrige Stellen eingeräumt, habe nicht nur die guten, sondern die besten Absichten erkannt und mich, am Ende, jeweils wieder gefragt: Woher das Unbehagen?

Peter Sloterdijk ist mit seiner zweibändigen "Kritik der zynischen Vernunft" das paradoxe Kunststück gelungen, einen philosophischen Bestseller zu schreiben: ein Buch, das den "Geist der Zeit" genau zum richtigen Zeitpunkt auf (s)einen sich reflektierend begründenden Begriff gebracht hat. Ihm ist es damit gelungen, die Philosophie aus ihrem akademischen Getto zu befreien und wieder in die öffentliche Diskussion einzubringen. Zum Teil ist es ihm auch gelungen, die Linke aus ihrer resignativen Erstarrung zu lösen und wieder zu (re)mobilisieren – für das unvollendete Projekt der Aufklärung.

Sloterdijk hat nun keinen Allerweltsroman geschrieben, nicht seine "Erfahrung" (oder das, was man in der Scene so nennt) episch ausgewalzt, obwohl er über "Erfahrung", sogar "Selbsterfahrung" geschrieben hat, nämlich über die Ursprungsgeschichte moderner Selbsterfahrung. Er hat nicht, wie viele seiner (noch jüngeren) Zeitgenossen, eine Autobiographie geschrieben, obwohl er über das "Ich", allerdings die Geburtswehen des modernen Ich geschrieben hat. Er hat keinen Gegenwartsroman geschrieben, der historische Figuren als Sprechblasen gegenwärtiger Ansichten mißbraucht. Er hat auch keinen historischen Roman geschrieben, obwohl die Handlung, wenn man so sagen kann, wesentlich im Jahre 1785 angesiedelt ist.

Sloterdijk hat, in der Form eigentümlich altväterlich, einen richtigen Bildungsroman geschrieben, einen philosophischen Roman über "die Entstehung der Psychoanalyse im Jahre 1785", eine verkable Ideen-Geschichte also, die freilich anders als bei Windelbands Vorgängern und Vorländers Nachfolgern nicht an der Abfolge der Ideen, sondern – vor allem – an ihrer "Korrespondenz" interessiert ist. Das heißt: an jenem eigenartigen Verhältnis, über das sich Marx manchmal mokierte, das, später dann, zu einem zentralen Motiv des (geschichtsphilosophischen) Denkens von Walter Benjamin geworden ist, jenem Verhältnis, das sich zum Beispiel an der römischen Kostümierung der Französischen Revolution ablesen läßt.

"Die nachfolgende Geschichte", verspricht Sloterdijk in der – sein Programm beschreibenden – "Ankündigung" (die, nebenbei, etwas von der Unsicherheit des "Erzählers", von seinem mangelnden Vertrauen in den epischen Charakter dieses "epischen Versuchs" verrät und vorschnell das "Geheimnis" seines Romans ausplaudert) "spielt vor fast genau zweihundert Jahren – am Vorabend einer Serie von Ereignissen, die unter dem Namen Französische Revolution in die Geschichtsbücher eingegangen sind." Doch, beteuert er weiter, werde hier nur "von der Gegenwart die Rede sein, von der reinen Gegenwart und nichts als der Gegenwart". Sein Buch unternehme also "eine Expedition in eine unvergangene Vergangenheit, die in den Bestand der heutigen Verhältnisse eingebrannt" sei.

Diese Geschichte ist nun erst einmal die Geschichte des jungen Wiener Arztes Jan van Leyden, der – wie sein holländischer Name verrät – als eine Art von Taugenichts nach dem Abschluß seiner Studien, im Frühsommer 1785, nach Frankreich reist, dorthin, wo die Zeichen des Aufbruchs, einer neuen Zeit bereits sichtbar werden und wo, wie immer, wenn eine Welt am Zerbrechen ist, die Zyniker das große Wort führen. Sloterdijk benutzt den tumben Tor als eine Art von Löschblatt, das alles aufsaugt, was ihm begegnet, angefangen bei der Madame de Salle, die ungeachtet ihrer fortgeschrittenen Reife mit verständlicher Eile dem "schönen Hengst" in den "Sattel" springt, bis hin zu den bissigen Bemerkungen der Salon-(Maul-)Helden, die zur Auflösung der Kirchengüter und zur Verstaatlichung der Weiber aufrufen. Van Leyden begegnet, wie es der Zufall so fügt, (fast) allen Größen der damaligen Zeit. Und er begegnet auf Schritt und Tritt dem Phänomen des "Mesmerismus", also jener geheimnisvollen Übertragung seelischer Kräfte durch einen nicht minder geheimnisvollen Magnetismus der Nerven. Erst in dieser Konstellation beschreibt sich, sozusagen, auch das "Kraftfeld" von Sloterdijks Roman – und, ein gutes Stück weit, mein Unbehagen.