Die Maßnahmen zur Absicherung der Lira-Abwertung reichen nicht aus

Nicht die Schwäche, sondern die ungewohnte Stärke der Lira war in letzter Zeit das Problem der italienischen Notenbank. "Dollars, Mark und Yen verliefen sich nach Italien", überschrieb vor zwei Wochen die Wirtschaftszeitschrift Il Mondo eine Titelgeschichte, zu der ein bis zum Rand mit Devisen vollgestopfter Stiefel gezeichnet war. Schlußfolgerung: Wenn man den Kapital- und Devisenverkehr nicht liberalisiere, werde der Lirakurs so in die Höhe getrieben, daß Italiens Exportindustrie Schaden erleide.

Tatsächlich floß nach den von der römischen Notenbank erarbeiteten Daten im vergangenen Jahr Auslandskapital in Höhe von umgerechnet 13 Milliarden Mark nach Italien. Jede vierte Lira davon wurde durch die günstige Lage am Aktienmarkt, doch der größte Teil von dem außergewöhnlich hohen italienischen Zinsniveau angezogen. Im Interbankengeschäft können ausländische Anleger fünfzehn bis sechzehn Prozent, bei der Anlage in steuerfreien Staatstiteln vierzehn bis fünfzehn Prozent kassieren.

Ebenso wie die amerikanische Regierung läßt Italien seit einigen Jahren das Defizit der öffentlichen Hand durch Auslandskapital mitfinanzieren. Deshalb hält die Notenbank den Diskontsatz auf der Rekordhöhe von 15,5 Prozent, an die kein anderes westliches Industrieland herankommt. Freilich hat auch keines dieser Länder eine derart starke öffentliche Verschuldung: 1986 wird sie so hoch sein wie das Sozialprodukt. Die Gold- und Devisenreserven der Notenbank stiegen so auf 125 Milliarden Mark, wobei allerdings die Goldreserven zum Weltbankpreis bewertet werden.

Das Defizit der Zahlungsbilanz von umgerechnet zehn Milliarden Mark fürs erste Halbjahr 1985 spiegelt wegen der Kapitalzuflüsse aus dem Ausland deshalb nicht im mindestens die schlechte Lage der Exportwirtschaft wider, die bei neun Prozent inländischer Inflation auf den internationalen Märkten Kostenprobleme hat.

Ein Blick in die Handelsbilanz mit ihren 23 Milliarden Mark Defizit für die ersten fünf Monate dieses Jahres (das sind neun Milliarden Mark mehr als in der gleichen Vorjahreszeit) zeigt, daß die Notenbank besorgt sein mußte. Daß in der Lira ein Inflationsdifferential aufgestaut war und noch ist, zeigt allein schon der Vergleich der Jahre 1983 und 1984 mit zusammen 27,4 Prozent Inflation in Italien und 5,6 Prozent in der Bundesrepublik, also mit einer Teuerungsdifferenz von 21,8 Prozent.

Unter diesen Umständen hätte die Notenbank gern schon vor mehreren Monaten die Lira zur Ader gelassen, doch ergab sich dazu lange keine Gelegenheit. Solange nämlich der Dollar fest war, standen die übrigen europäischen Währungen unter Druck, gegen die man abwerten wollte. Gegenüber dem Dollar soll die Lira dagegen möglichst fest bleiben, weil Italien den größten Teil seiner Rohstoff- und Energieimporte in Dollar bezahlen muß, während die Exporte vorwiegend in deutscher Mark fakturiert werden.