Von Heinz Josef Herbort

Der „Professor“ gab sich zunächst kritisch, zog aber dann, wie es stets seine Art war, sowohl ein allgemeines gesellschaftspolitisches als auch ein spezielles branchenfreundliches optimistisches Resümee: „Der moderne Mensch, und zwar praktisch ‚jeder‘, kann in dieser technisierten Welt mit ihrer ungeheuren Verkehrsmobilität in Raum und Zeit nur bestehen“, philosophierte anno 1965 Karl Holzamer, weiland Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF), „wenn er zugleich auch die Ergebnisse der Wissenschaft, die diesen Gesellschaftszustand heraufgeführt haben, in ihren Folgen beherrscht, bewältigt und auf seine eigene Welt selbständig anwendet; hierzu kann ihm auch das Fernsehen verhelfen.“ Der gelernte Pädagoge und von der CDU umgezüchtete Televisionsmanager wußte auch wie: „Die Lebenshilfe, die ein so gesehenes Fernsehen leisten kann, besteht demnach in der Eingewöhnung in diese technische Welt, in ihrem kritischen Gebrauch, in dem Durchdringen ihres letztlich doch dem Menschen dienenden Netzwerkes.“

Damals, vor zwanzig Jahren, gewöhnte uns das Fernsehen noch darauf ein, wieder wer zu sein: auf den Stolz etwa über einen Auto- und Verkehrsboom auch bei uns – mit dem Verkehrsmagazin „Rasthaus“; auf die Beendigung der Nachkriegs-Freßwelle und deren Veredlung durch einen besseren Geschmack – mit einem „Koch-Klub“; auf die (erst später „drohende“) Selbstfindung, für die vorerst aber noch durch eine zynische Bestätigung und Vermarktung der weiblichen Inferiorität Grund und Anlaß geliefert wurden – mit einem konsumorientierten „Magazin für die Frau“. Der Blick zurück, durch Schaden klug geworden, läßt keineswegs nur Umweltschützer, Krankheitsverwalter und Feministinnen erkennen, was da bewältigt und wer da beherrscht wurde.

Heute, bei wöchentlich rund 330 Stunden allein an öffentlich-rechtlichem Fernsehen, werden wir auf unterschiedlichste Weise eingewöhnt in die verwandelte Welt – mit scheinbar objektiven Nachrichten und ausgewogenen subjektiven Kommentaren, mit gebührensenkender Werbung und angstvertreibenden Worten zum Sonntag. Und mit mehr oder minder subtilen „Ratgebern“, offen deklariert für Recht und Geld, Reise und Gesundheit, Technik, Küche und Garten, ermunternd deklariert als „Praxis“, „Sprechstunde“, „Auskunft“ oder „Rufen Sie uns an“, euphorisch versteckt als „Freizeit“, „Urlaub für die Seele“ oder „Die Dritte Revolution“.

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„Rat“ empfiehlt nach Brockhaus eine „sittlich gute Handlung, aber nicht als Pflicht, sondern als deren freiwillige Überschreitung“ – ist nach Duden die „Empfehlung, Aufforderung oder Ermutigung an jemanden, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten, etwas Bestimmtes zu tun oder zu unterlassen“. Wer gibt da, im ersten, zweiten oder dritten Kanal, wem welchen Rat, empfiehlt, beeinflußt, fordert auf, ermutigt?

Gar mancher kam zu seiner Sendung in des Wortes doppelter Bedeutung wie die Jungfrau zum Kinde. War zu Beginn, also Mitte der sechziger Jahre, in den Verwaltungsetagen der Funkhäuser noch gefragt worden: „Wer kann das machen?“, mußte vor einigen Jahren plötzlich gerätselt werden: „Was kann der machen?“ Hunderte von „freien“ Mitarbeitern hatten sich erfolgreich in Festanstellungen hineingeklagt – eine beachtliche Anzahl von ihnen rutschte auf die „Ratgeber-Schiene“. Nicht unbedingt Experten also, keine Spezialisten für Steuerrecht oder Innere Medizin, für Hochfrequenz- und Digitaltechnik oder den Umgang mit Manisch-Depressiven, sondern Journalisten, gestandene, gewordene, aber auch mehr schlecht als recht selbsternannte. Und das bedeutete für die Sendungen: keine Beiträge von Fach-Autoritäten, sondern Recherchen-Journalismus, „von unserem ins Archiv entsandten Mitarbeiter“, dem am Ort der Zufall (in der Person eines Betriebs- oder Reiseleiters, Pressereferenten oder Public-Relations-Managers, manchmal indes auch eines engagierten Spezialisten) etwas in die Finger und vor die Kamera spielt. Mit allen Vor- und Nachteilen: der unbefangenen Annäherung an die alltägliche Normalität – aber auch mit der kurzfristigen Auswahl, der oberflächlichen Information, den knapp geprüften Argumenten. Das muß nicht immer gleich – wie gehabt – zu Gegendarstellungen oder gar Schadenersatzprozessen von über vier Millionen führen – die umgekehrte Korruption zu Schönheitsoperationen ist schleichender, unauffälliger und damit weit gefährlicher.