Edwin Doupals kleiner Lebensmittelladen liegt günstig – zu günstig. Doupal verkauft Milch, Wurst und Apfel an der Berliner Urbanstraße, einer Hauptverkehrsader im dicht bebauten Bezirk Kreuzberg. Tausende von Passanten kommen täglich an Doupals Laden vorbei, der Autoverkehr in der Urbanstraße ist stark, und Bushaltestellen sind nur ein paar Meter entfernt. Angesichts dieser günstigen Lage hat Doupals Vermieter jetzt beschlossen, den Monatszins für das Ladenlokal von 500 auf 1200 Mark zu erhöhen.

Dem altmodischen Tante-Emma-Laden droht durch den Mietaufschlag von 140 Prozent das Ende. Doupal will zwar versuchen, das Geschäft zu halten, aber er sieht schwarz: „Früher oder später werden bei uns die Luken dichtgemacht.“ Dann dürfte ein Schnellimbiß einziehen, ein Fachgeschäft oder ein Spielsalon, Läden, die die horrende Miete erwirtschaften können.

Doupal steht für viele Lebensmittelhändler. Überall drängen zahlungskräftigere Konkurrenten in die Hauptstraßen und Fußgängerzonen und treiben die Mieten hoch. Die Tante-Emma-Läden und die kleinen Selbstbedienungsgeschäfte mit ihren kleinen Gewinnspannen haben an Standorten, die gut genug sind für ein Schnellrestaurant oder eine Fachhandlung, allemal das Nachsehen.

Aus den Zentren vieler Städte verschwinden so die letzten Lebensmittelläden. In Frankfurt etwa gab der Getränkeladen „Hamburger Kaffeegeschäft“ wegen einer erwarteten Mietsteigerung von über 70 Prozent auf. Zur Zeit wird der Laden umgebaut; der Pepsi-Cola-Konzern etabliert hier einen Schnellimbiß. In Hamburg kapitulierte das 168 Jahre alte Delikatessenhaus Heimerdinger vor der Mietforderung von 30 000 Mark. Nachmieter ist ein Steak-House namens Denver. In Berlin mußte letztes Jahr die 79jährige Charlotte Köhler ihren Laden schließen, weil der Vermieter statt 350 plötzlich 2000 Mark Monatsmiete verlangte. Ein Reisebüro zahlt jetzt den versechsfachten Preis.

Weil die Lebensmittelhändler sich die besten Standorte kaum noch leisten können, sind die zweitbesten um so heißer begehrt. Aber passende Lokale an Hauptstraßen, in Stadtteilzentren und an viel benutzten Haltestellen sind rar. Ein unabhängiger Händler hat hier kaum eine Chance gegen die Ladenketten, unter denen der Vermieter sich zudem noch die Meistbietenden aussuchen kann. „Um die guten Standorte prügeln sich fünf bis sieben Gruppen“, sagt ein Manager der Lebensmittelkette Spar.

Der Run auf die guten Geschäftslagen hat in den letzten Jahren die Ladenmieten insgesamt kräftig in die Höhe getrieben. Wie das Kölner Institut für Selbstbedienung jetzt errechnete, stiegen sie zwischen 1980 und 1984 von durchschnittlich 17 Mark pro Quadratmeter auf 24 Mark, also um satte 41 Prozent. Und ein Blick zurück in das Jahr 1970 zeigt, daß sich seitdem der Anteil der Miete am Umsatz der Lebensmittelhändler verdoppelt hat. Er beträgt jetzt im Schnitt drei Prozent. An vielen Geschäften verdienen die Vermieter mehr als die Kaufleute, die sie betreiben.

Auch das Göttinger Institut für Wohnungswesen stellt in seiner jüngsten Untersuchung des Immobilienmarktes „noch unbefriedigte kaufkräftige Nachfrage“ nach Läden fest, vor allem in guten Citylagen. In mehr als zwei Dritteln der Städte, die das Institut untersuchte, übertraf die Nachfrage nach Läden das Angebot – obwohl dieses in den letzten Jahren in fast der Hälfte der Städte gestiegen ist.