Herr Böll, nach dem Krieg gab es in vielen Kreisen die Hoffnung auf einen Neubeginn in Deutschland, auf Veränderungen von Grund auf. Hatten Sie diese Hoffnungen damals auch?

Die kamen sehr spät. Ich hatte bei Kriegsende, ich war in einem Massengefangenenlager in Frankreich, einem amerikanischen Lager, überhaupt keine Vorstellung von irgendeiner politischen Form in Deutschland. Und die alltägliche Sorge eines Kriegsgefangenen ist der Hunger. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, daß es Deutschland in irgendeiner Form wieder geben würde. Ich hatte keine Ahnung davon, daß in der Emigration sogar in den Konzentrationslagern politische Gefangene wie etwa Eugen Kogon doch schon an eine neue Konzeption Deutschlands dachten, darüber nachgedacht hatten und gewisse Vorstellungen hatten.

Ich hab’ das nicht als Stunde Null empfunden, sondern ab Stunde Nichts. In dem Zustand, in dem Deutschland war und in dem Europa war, war meine einzige Überlegung, ob ich zehn, zwanzig oder dreißig Jahre Zwangsarbeit würde leisten müssen. Ich dachte an meine Familie, wie die wohl das Kriegsende überlebt hatte – meine Frau erwartete ein Kind –, war also zunächst mit sehr persönlichen Dingen beschäftigt, mit direkten Sorgen, auch vor allen Dingen mit Hunger und Kälte. Ich bin dann sehr früh nach Hause gekommen, relativ früh, so Ende ’45, wir sind in das total zerstörte Köln zurückgezogen als Instandbesetzer, möchte ich sagen. Wir haben dann ein halbzerstörtes Haus aufgebaut. Nicht als unser Eigentum; es war Staatseigentum.

Die ersten Kontakte mit Menschen, die über politische Möglichkeiten in Zukunft nachdachten, hatte ich etwa 1947, weil ich bis dahin sehr krank und erschöpft war und mich eigentlich für nichts interessierte als Schreiben, und das waren Menschen, die ich aus der katholischen Jugendbewegung kannte, die den Krieg überlebt hatten, ungefähr gleichaltrig waren. Ich will nicht sagen Junge Union, die gab’s damals noch nicht, aber in etwa der vergleichbar: katholisch, antifaschistisch. Die erste Begegnung mit einem politischen Programm war die mit dem Ahlener Programm, was einen ungeheuren Eindruck auf mich gemacht hat und mir auch als eine Konzeption für eine mögliche politische Zukunft Deutschlands erschien. Ich hatte dann auch nur Kontakt mit politischen Kreisen dieser Art, mit älteren Leuten, meist Gleichaltrigen, Überlebenden; es waren sehr wenige. Sie müssen sich vorstellen, daß auch die – sagen wir – statistische Situation absurd war. Es gab, glaube ich, 1945 doppelt soviel 80jährige wie 25jährige. Und was die meisten vergessen haben, die meisten Deutschen vergessen haben, weil sie die damalige Zeit nicht bewußt erlebt haben: Es war kein schöner Zustand, ein Deutscher zu sein. Es war so ungefähr die verächtlichste Bezeichnung – deutsch. Wenn ich das mit dem volltönenden Selbstbewußtsein heutiger Politiker vergleiche, kommt mir das schon recht merkwürdig vor. Politiker, die ungefähr meines Alters sind und eigentlich wissen mußten, was damals war.

Sie haben das Ahlener-Programm angesprochen, welches davon ausging, daß der Kapitalismus den Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht erecht geworden sei. Wie stellte man sich denn Deutschland von 1947 an vor?

Nach dem Ahlener-Programm ein christlich-sozialistisches Deutschland. Später habe ich festgestellt, daß sogar Thomas Mann in einer seiner letzten Reden vor dem Kriegsende, sich die Zukunft Europas nur als eine sozialistische vorstellen konnte, wo man dann natürlich definieren muß, was der und der oder der unter Sozialismus versteht. Jedenfalls glaubte ich nicht daran, wie es auch laut Ahlener-Programm interpretierbar war, daß sich die alten Besitzverhältnisse und die alten Herrschaftsverhältnisse erhalten würden.

Der erste Schock kam mit der Währungsreform, die sich eindeutig als eine Reinstallierung des totalen Kapitalismus erwies. Die Währungsreform war ja eine verordnete, fast totale Inflation und damit auch eine Vernichtung von Arbeit. Selbst die Reichsmark, die sehr wenig wert war um die Zeit, war ja erarbeitet, von Arbeitern, Angestellten, Beamten wie immer, und einige Menschen waren eben so töricht gewesen, zu sparen. Ich muß sagen töricht, weil eben ihre Ersparnisse praktisch auf, ich glaube, sieben Prozent reduziert wurden, während das gesamte Aktienkapital eins zu eins aufgewertet wurde. Man mag das rückblickend rechtfertigen und auch als eine Ursache des Wirtschaftswunders sehen, aber es war eine totale Absage an die Vorstellungen, die das Ahlener-Programm erweckt hatte. Das war eigentlich der erste Schock.