Eureca – ein leeres Wort

Siebzehn Länder wollen durch gemeinsame Anstrengungen ein "Europa der Technologie" schaffen

Nein, Eureca kommt nicht von dem "Ich hab’s" des griechischen Mathematikers Archimedes; es ist die Abkürzung für die nüchterne Bezeichnung European Research Coordination Agency (Agentur für europäische Forschungs-Koordination). Doch die Minister von siebzehn europäischen Staaten benahmen sich in Paris, als sie das Ding aus der Taufe hoben, so euphorisch wie Archimedes, als hätten sie den Stein der Weisen gefunden, wie Europa den angeblichen technischen Rückstand aufholen wird. Kann Eureca das wirklich leisten?

Technische Großprojekte müssen eine klare, griffige Zielsetzung haben. Für das größte Projekt der Nachkriegszeit – Apollo – hatte der damalige amerikanische Präsident John F. Kennedy ein faszinierendes Ziel gesetzt: Innerhalb eines Jahrzehnts muß ein Amerikaner als erster Mensch aufdem Mond landen. Neil Armstrong war pünktlich. Der wirtschaftliche Erfolg stellte sich später ein, als Amerikas Industrie das gewonnene Wissen vermarktete.

Am Anfang der amerikanischen Strategischen Verteidigungs Initiative SDI stand die Vision Ronald Reagans, im Weltraum einen Schutzschild gegen Raketenangriffe auf die USA aufzubauen. Man mag SDI für militärisch fragwürdig und politisch gefährlich halten – die Zielsetzung stimuliert Wissenschaftler, Techniker und Industrielle. Und selbst wenn sich herausstellt, daß das Ziel in der nächsten Generation nicht zu erreichen ist, daß es Zukunftsmusik oder gar Utopie bleibt – SDI wird den USA einen Technologie-Sprung bescheren auf vielen Gebieten der Spitzentecnnik, finanziert mit Milliardenbeträgen aus dem Rüstungsetat.

Da beweist sich die zynische These des früheren französischen Verteidigungsministers Messmer, daß man von Parlamentariern Geld für allerlei Projekte bekommen könne, wenn man nur sage, sie seien für die Sicherheit des Landes wichtig.

Trifft all dies auf Eureca zu? Nun, Eureca ist bislang nur eine leere Worthülse. Die Ziele sind diffus, die Richtung ist unbestimmt. Im Gespräch werden Bereiche genannt, die einem beim Stichwort Spitzentechnik ebenso einfallen: Opto-Elektronik, Schnellbahnen, neue Werkstoffe, Großrechenanlagen, Lasertechnik, Mikroelektronik, Sensoren. Im Kommuniqué steht der Allgemeinplatz, es sei wichtig und dringlich, daß "Europa seine Energien und seine Fähigkeiten auf dem Gebiet der Spitzentechnologie bündelt".

Wie denn? Gibt es das etwa noch nicht? Die europäische Raumfahrtbehörde ESA sorgt dafür, daß Europa seinen Platz im Weltraum bekommt, wobei die technische Entwicklung bei der Ariane-Rakete bereits in wirtschaftlichen Erfolg mündet. Auf industriellem Gebiet gibt es das Airbus-Konsortium, das den amerikanischen Flugzeugbauern ein ebenbürtiger Wettbewerber ist.

Eureca – ein leeres Wort

Daneben gibt es zahlreiche innereuropäische und internationale Industrie-Gruppierungen, die an erfolgversprechenden und marktorientierten Projekten arbeiten – so wie es das zivile Eureca will. Diese Kooperationen zu fördern und zu erleichtern, ist vernünftig und notwendig. Um aber den großen Sprung nach vorn zu bewirken, fehlt Eureca jedoch bisher der zündende Funke.

Die Franzosen haben Eureca ins Spiel gebracht, als Antwort auf die Herausforderung von SDI aber wohl auch, weil sie bisher in Europa die konsequenteste Technologie-Politik betrieben haben. Sie sind auch für Kooperation – solange sie an der Spitze stehen. Das Bemühen der Verteidigungsminister von fünf europäischen Ländern, für viele Milliarden gemeinsam ein neues Kampfflugzeug zu entwickeln, droht aber just an diesem Anspruch zu scheitern. Kein gutes Vorzeichen für Eureca. Heinz Michaels