Wie leicht kann das passieren: Man kommt abgehetzt zu einer Verabredung, hängt schnell den Mantel, beispielsweise im Restaurant, in die Garderobe und vergißt, den Autoschlüssel aus der Manteltasche zu nehmen. Später, beim Aufbruch, stellt sich heraus: Der Schlüssel ist weg. Das Auto natürlich auch. Mancher Wagen wird später zerbeult und mit leerem Tank irgendwo am Straßenrand gefunden; viele bleiben für immer verschwunden.

Wer mit seiner Versicherung einen Teil- oder Vollkaskovertrag abgeschlossen hat, mag sich sicher fühlen: Ich bin ja versichert. Doch er wird bei seiner Versicherung auf Widerstand stoßen. Sie wird auf Paragraph 61 des Versicherungsvertrages hinweisen. Dort steht: „Der Versicherer ist von der Verpflichtung zur Leistung frei, wenn der Versicherungsnehmer den Versicherungsfall vorsätzlich oder durch grobe Fahrlässigkeit herbeigeführt hat.“ Wer den Autoschlüssel in der Manteltasche vergißt – so argumentiert die Versicherung – handelt grob fahrlässig; denn er muß damit rechnen, daß der Schlüssel geklaut wird und das Auto auch. Sie brauche also nicht zu zahlen.

Wer sich gegen diese Argumentation wehrt und vor Gericht zieht, muß unterscheiden lernen. Wird der Schlüssel aus einem Raum gestohlen, der für Fremde nicht zugänglich ist, aus der Garderobe eines Privathauses etwa oder von den Garderobehaken aus dem Gang einer Schule, in der nur ein einziger Elternabend stattfindet, so muß die Versicherung zahlen. Denn in solchen Fällen ist es allenfalls „leicht“, nicht aber „grob fahrlässig“, den Schlüssel in der Manteltasche zu lassen.

Hing der Mantel aber in einem unbewachten Raum, der für jedermann zugänglich ist, so braucht die Versicherung nicht zu zahlen. Das gilt für den Umkleideraum einer öffentlichen Sauna oder eines Sportklubs und erst recht für die Liegewiese eines Schwimmbades oder den Sandstrand am Meer. Der Auto(schlüssel-)Eigentümer muß seinen Schaden selbst bezahlen, auch wenn er versichert war.

Wenn er Pech hat, kann es noch schlimmer kommen. Das zeigt ein Fall, den vor einiger Zeit das Oberlandesgericht Hamm zu entscheiden hatte. Ein junger Mann fuhr mit seinem Freund zu einem Scheunenfest auf einem Bauernhof. Beide hatten vor, dort kräftig zu trinken. Sie beschlossen daher, im Auto zu nächtigen und packten Decken ein. Der Autoeigentümer war bald so betrunken, daß er an der Theke einschlief und von seinen Saufkumpanen ins Auto geschleppt werden mußte. Der Freund – ebenfalls stark angetrunken – setzte sich ans Steuer, nahm den Autoschlüssel aus der Hosentasche seines Freundes (oder ließ ihn sich von ihm geben, die näheren Einzelheiten wurden nicht geklärt) und fuhr los. Er raste die Straße entlang, geriet auf die linke Fahrbahnseite und rammte eine Radfahrerin, die an ihren Verletzungen starb. Schließlich prallte er mit dem Wagen gegen eine Mauer.

Die Richter beschäftigte nun die Frage, ob der schlafende und betrunkene Autoeigentümer selbst für den tödlichen Unfall der Radfahrerin bestraft werden könnte. Zugespitzt formuliert: Kann einer fahrlässig töten, während er schläft? Die Richter sagten ja. Denn: „Der Kraftfahrer muß grundsätzlich alles in seinen Kräften Stehende tun, um seinen Wagen vor einer Benutzung durch Unbefugte zu bewahren.“

Im konkreten Fall hätte der junge Mann den Autoschlüssel nicht in der Tasche behalten dürfen, sondern hätte ihn einer „vertrauenswürdigen Person“ geben und so jeden Mißbrauch ausschließen müssen (Aktenzeichen: 5 Ss 1254/82). Er hätte sich rechtzeitig überlegen müssen, daß sowohl er als auch sein Freund den ursprünglichen Plan, im Auto zu schlafen, aufgeben und mit dem Wagen losfahren könnten.