Michail Gorbatschows neuer Regierungsstil weckt Hoffnungen, läßt aber auch viele Fragen offen

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Juli

Am 12. Juli ist der neue Kremlchef offiziell in Erholung gegangen – seither demonstriert er, was aktive Ferien sind. Nach Ministern, Provinzsekretären und dem Politbüromitglied Romanow läßt der Generalsekretär jetzt die Generäle der alten Garde beurlauben. Zum ersten Mal ist ihm dabei die Legende seiner Husarenstreiche schon vorausgeeilt:

Auf einer Inspektionsreise im Juni durch die Ukraine, so kolportieren die Moskauer, habe der 54jährige Parteichef, noch bevor er Kiew und Dnjepopetrowsk besuchte, ein Armeehospital in Sewastopol besichtigt. Viele der Militärs in diesem Krankenhaus seien wegen schwerer Alkoholschäden in Behandlung gewesen. Der Generalsekretär habe noch vor Ort verfügt, daß diese Patienten sofort ohne Privilegien in Pension zu gehen hätten.

Solche Anekdotenbildung ist Ausdruck dafür, daß die Bevölkerung Michail Gorbatschow nach nicht einmal fünf Monaten zutraut, fast Unmögliches umgehend zu erledigen – während weiter offen bleibt, ob er auch reale Wunder bewirken und Wunschvorstellungen erfüllen kann. Die Geschichte zeigt gleichzeitig, wie verbreitet die Meinung ist, daß Gorbatschows Kampagne gegen den Alkohol auch und gerade die Hierarchie ernüchtern und verändern soll, daß Trunksucht selbst die Truppe zerrüttet hat, daß der Parteichef den alten Militär-Clan nicht begünstigt, daß er aufräumt, wo er auftaucht. Und wie Gorbatschows entschlossener, wenn auch risikobewußter Umgang mit der Armeeführung jetzt zeigt, ist die Legende nicht ganz so weit von der Wirklichkeit entfernt.

Am 10. Juli stellte sich der Kremlchef, der bisher Passanten auf Plätzen und Prospekten befragt, ein Kranken- und ein Warenhaus besucht hatte, in Minsk der Armee. Flankiert von Verteidigungsminister Sergej Sokolow und dem bisherigen Leningrader Parteichef Lew Saikow, der als neuer ZK-Sekretär (für den geschaßten Romanow) die Aufsicht über die Rüstungsindustrie übernommen hat, sprach Gorbatschow "vor führenden Vertretern des weißrussischen Militärbezirks". Am darauffolgenden Wochenende kam es zu einem abrupten, doppelten Wachwechsel, den die DDR-Medien groß und die sowjetischen Medien gar nicht meldeten: Der Oberbefehlshaber der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD), Armeegeneral Michail Saizew, und sein höchster Politoffizier, General Alexej Lisitschow, wurden nach Moskau zurückberufen. Am 16. Juli strich die Armeezeitung Roter Stern demonstrativ heraus, daß die Partei den Gewehren befiehlt: "Die militärischen Kaderfunktionäre sind verpflichtet, die Politik der Partei entschlossen durchzuführen."