Lübeck: „Gottfried Brockmann“

Ein heute fast unbekannter Name. Seine Bilder erinnern an Schlemmer, De Chirico und Carrá, an die Pittura metafisica. Er war Mitglied der Kölner Künstlergruppe „Die Progressiven“, kein künstlerischer Erneuerer, aber einer der jungen engagierten Maler der zwanziger Jahre. Er glaubte an den Sozialismus, war aber noch lange kein schlichter Propagandist. Uneinigkeiten mit seinem Kölner Künstlerkollegen Hoerle und Seiwert ließen ihn 1926 nach Düsseldorf überwechseln. Hier wurde er Meisterschüler von Campendonk. In den schönen klaren Räumen der Overbeck-Gesellschaft sind jetzt seine Bilder und Zeichnungen aus den zwanziger und frühen dreißiger Jahren zu sehen. Damit wird ein Maler vorgestellt, der, skeptisch geworden gegenüber direkt politisch werdender Kunst, mit Motiven aus dem Alltag eine ambivalente Bildsprache entwickelte. Menschen sind auf seinen Bildern zu anonymen Gliederpuppen geworden. Gesichtslose Massentiere in einer funktionalistischen Massenwelt. Leerformeln. Aber sie sind nicht nur dies. „Auf einmal wurden die Puppen zu Menschen, die Menschen wurden zu Puppen. Die Dinge waren plötzlich nur Vorstellungswert, ohne jeden realen Wert ... Es war Ironie gegen die Hybris der Selbstgewißheit“. Es war Ironie, mit der Brockmann auf eine technokratische Parteiengesellschaft reagierte. Diese Welt erinnerte ihn an die Spielzeugwelt aus Papiertheatern und Puppenstuben, aus Holzfiguren und Bauklötzen, mit denen er als Kind seine eigene Wirklichkeit um sich aufbaute. Als Erwachsener konstruiert er streng und sachlich seine Bildwelt. Es scheint, als sei das Leben, alles Natürliche, Wilde, schnell Wandelbare aus ihnen verbannt. Seine Atelierbilder (in Lübeck sind zum erstenmal die wichtigsten zusammen zu sehen) zeigen menschenleere Innenräume. Der Blick aus dem Fenster trifft auf zwei Turmsilhouetten und irrt dann ins Leere. Oder es gibt kein Fenster, und eine Tür öffnet sich in ein dunkles Labyrinth von kahlen Räumen. Greifbar, real sind allein die kargen Einrichtungsgegenstände: ein Fisch, ein Malstock, ein Trichter. Und doch sind diese Werke nicht Zeichen von Mutlosigkeit. Es sind Lehrstücke, Gedankenbilder, die gelesen werden wollen. 1933 erhielt Brockmann, an der Düsseldorfer Akademie Asta-Vorsitzender und Mitglied der Rheinischen Sezession, von den Nationalsozialisten Hausverbot. Er ging nach Berlin, lebte isoliert und verdiente sein Geld mit Zeitungsillustrationen und Dekorationsarbeiten an Wehrmachtsbauten. Dann kamen Kriegsdienst und Gefangenschaft, nach dem Krieg leitete er einige Jahre einen lithographischen Betrieb, bis er, 1952, als Kulturreferent nach Kiel geholt wurde. Hier starb er 1983. (Overbeck-Gesellschaft bis zum 11. August, Katalog 15,– DM) Elke von Radziewsky