Oppositionelle Politikerinnen nutzten das Forum, um zu erläutern, worin sich ihre Haltung von der Linie der Regierungsdelegation ihres Landes unterscheidet. Auch zahlreiche Teilnehmerinnen aus der Bundesrepublik, unter ihnen sozialdemokratische und grüne Abgeordnete, übten harte Kritik an der deutschen Delegation und ihrer Leiterin, der Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium Irmgard Karwatzki: Heikle politische Themen sollten um einer künstlichen Harmonie willen ausgeklammert werden, so meinten sie, auch sei die Opposition nur unzureichend in die Vorbereitung der UN-Konferenz einbezogen worden.

Deren Arbeit nahm sich gegen die lebendige Atmosphäre des Forums betont nüchtern aus. Bei der Bilanz des Jahrzehnts der Frau standen die Verantwortlichen der meisten Länder nicht mit gänzlich leeren Händen da: In 90 Prozent der UN-Mitgliedsstaaten gibt es mittlerweile Einrichtungen, die sich ausschließlich um die Rechte von Frauen kümmern. Mehr als 70 Regierungen haben die Konvention über die Abschaffung von Frauendiskriminierung ratifiziert. Und immerhin 45 Länder bieten Frauen kostenlose Rechtsberatung zur Durchsetzung ihrer Interessen an.

Aber die Frauen wollen mehr – das klang in den meisten Reden vor dem Plenum an: So, als die schwedische Delegierte darauf hinwies, wahre Gleichberechtigung müsse heißen, daß Frauen auch mitentscheiden könnten über Krieg und Frieden, über Militärausgaben und Abrüstungsverhandlungen. Oder als die Sprecherin aus Ghana meinte, der Kampf der Frauen gegen Diskriminierung könne nicht vom Kampf gegen Rassismus, Unterdrückung, Armut, Unwissenheit und Krankheit getrennt ausgefochten werden.

Daß das Zusammentreffen von Frauen aus aller Welt dazu beitragen kann, Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen endlich abzubauen, darauf hoffen auch viele, die keine Möglichkeit hatten, nach Nairobi zu kommen. Ein alter Afrikaner erbat von der Welternährungsorganisation FAO eine Broschüre zum Thema "Frauen in der Landwirtschaft" für seine Tochter, eine Kleinbäuerin. Auf den Hinweis, daß in dieser Schrift aber lediglich statistisches Material und keine praktischen Hinweise enthalten seien, erwiderte er: "Ich weiß. Aber es ist so wichtig für meine Tochter zu wissen, daß sie nicht allein ist – daß es andere Frauen gibt, die sich über ihre Sorgen Gedanken machen."