Von Klaus Pokatzky

Bruno Michalski hat es schwer in diesen Wochen. Eigentlich hätte er schon vor einem halben Jahr entscheiden müssen, wo das neue Werk gebaut werden soll, das die Firma „Sonnenschein“ so dringend benötigt. Seit vier Jahren ist er bei der Accumulatorenfabrik, seit drei Jahren verbucht er als Geschäftsführer ein Wachstum von zehn bis 15 Prozent pro Jahr, und das kann er nur halten, wenn endlich die Kapazitäten ausgedehnt werden. „Die Entscheidung ist überfällig, wir sind ausgereizt, wir fahren unter Vollast die ganze Zeit“. Seine Haupttätigkeit besteht derzeit jedoch darin, Altlasten zu bewältigen, die ihm der Vorgänger hinterlassen hat: Christian Schwarz-Schilling, heute Bundespostminister, „Sonnenschein“-Geschäftsführer von 1957 bis 1982 und verheiratet mit der Haupteigentümerin Marie-Luise.

Und so verbringt Bruno Michalski jetzt sehr viel Zeit in Besprechungen mit Anwälten, sitzt selbst auch mal vor Verwaltungsrichtern, muß andauernd mit Vertretern der Umweltbehörde verhandeln. Auch reist er durch die halbe Bundesrepublik, um in ausgesuchten Zeitungsredaktionen seine Sicht der Dinge darzustellen. „Wir haben einen phantastischen Bekanntheitsgrad bekommen, jeder kennt heute ’Sonnenschein’“, weiß er, „nur, wir haben ein falsches Image“.

Mittwoch vergangener Woche haben Berliner Richter Bruno Michalski wieder etwas Luft verschafft. Der zweite Senat des Oberverwaltungsgerichts hob die sensationelle Entscheidung des erstinstanzlichen Verwaltungsgerichts auf, das Mitte Juni die Umweltbehörde angewiesen hatte, wichtige Produktionsteile des Berliner „Sonnenschein“-Zweigwerks stillzulegen. Doch für Bruno Michalski könnte der Ärger mit der Umweltbehörde und den Anwohnern des Berliner Werkes jetzt erst so richtig losgehen.

Querelen gibt es da schon seit Jahren und dafür hat auch Bruno Michalski Verständnis. Denn anders als in Büdingen, dem Hauptsitz, wo die Batteriefabrik keine unmittelbaren Nachbarn hat, stehen knapp dreißig Meter von den Berliner Produktionsstätten entfernt schon die ersten Wohnhäuser, ein Kinderspielplatz grenzt direkt ans Werksgelände. 1979 stellte der Umweltsenator dort eine „hohe Bleiverschmutzung“ fest. Von den zahlreichen Auflagen, die die, Umweltbehörde damals der Firma machte, ist ein erheblicher Teil in den folgenden sechs Jahren nicht verwirklicht worden. Vor allem aus sogenannten „diffusen Quellen“, verließen Bleistäube das „Sonnenschein“-Gelände, aus geöffneten Hallenfenstern also, aus Containern, Fässern und Förderbändern, mit denen Bleistaub unter freiem Himmel transportiert wurde.

So wurden in unmittelbarer Nähe der Firma im vergangenen Winter bei Bodenproben erhebliche Überschreitungen der Blei-Grenzwerte festgestellt – bis zum 500fachen dessen, was für landwirtschaftlich genutzten Boden zulässig ist.

Das gab damals erregte Schlagzeilen in der Stadt, es war auch gerade Wahlkampf für das Abgeordnetenhaus und der „Fall Sonnenschein“ wurde zu einem der interessantesten Themen. Die Firma beauftragte nun den TÜV mit eigenen Messungen, und als ein sozialdemokratischer Mißtrauensantrag gegen den FDP-Umweltsenator Horst Vetter ins Abgeordnetenhaus stand, lernte „Sonnenschein“-Geschäftsführer Michalski die Umweltbehörde von einer gänzlich ungewohnt aggressiven Seite kennen. Der TÜV war mit seiner Untersuchung noch lange nicht fertig, da klingelte eines Morgens bei Michalski das Telefon und einer von Vetters höchsten Beamten erklärte, er brauche dringend das Gutachten. Das sei noch nicht fertig, beschied Michalski abschlägig. Eine halbe Stunde später rief der Umweltbeamte wieder an: „Sie müssen das rausgeben“. Michalski: „Ich hab’ das nicht“. Wenig später ist Schwarz-Schilling am Apparat, verweist auf einen Anruf des Parteifreundes und Berliner Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen (CDU) und fragt nach dem Gutachten. Als am Nachmittag der Umweltsenator auch noch mit einem Zwangsgeld droht, überredet schließlich Michalski die TUV-Leute in hektischer Nachtarbeit einen Zwischenbericht zu schreiben.