Bohrinseln im Gardasee?“ fragte entsetzt eine italienische Zeitung, als bekannt wurde, daß die amerikanische Gesellschaft Anschütz das Recht zur Ölsuche in einem Geviert der Po-Ebene erworben hat, zu dem auch Italiens schönster und größter See gehört. Rom beruhigte die Umweltschützer sofort: Zwar gehöre aus formalen Gründen auch Seegrund zu diesem Konzessionsgebiet, doch dürfte natürlich weder am Ufer noch im See nach Öl gebohrt werden.

Seitdem die Technik der Ölförderung auch vor Bohrungen bis in mehr als fünftausend Meter Tiefe nicht haltmacht und sich erwiesen hat, daß die italienischen Öllagerstätten häufig gerade in dieser Tiefe beginnen, hat eine neue, lebhafte Suche eingesetzt. Sie beschränkt sich nicht nur auf das Festland. Auch in der Adria, im Ionischen Meer unter Italiens Stiefelsohle sowie in der Meerenge zwischen Sizilien und Tunesien sind Einsatz und Chancen besonders groß.

Der italienische Staat hat Bohrrechte für 166 000 Quadratkilometer vergeben. Das entspricht mehr als der Hälfte des italienischen Festlandterritoriums. Die Po-Ebene und ganz Ostitalien bis zum Stiefelabsatz, das gesamte auf italienischer Seite liegende Adriagebiet, die Fußsohle des Stiefels mit dem Meer davor und halb Sizilien sowie das südlich davon liegende Mittelmeergebiet werden durchsucht. Für weitere 55 000 Quadratkilometer sind Suchrechte beantragt, wobei es nicht nur um Öl, sondern auch um Erdgas geht. Die Hälfte der Gebiete wird allein von der nationalen Energiegesellschaft ENI-Agip durchforscht, bei einem weiteren Viertel bildet die staatliche Gruppe mit anderen Gesellschaften Konsortien.

Nicht von ungefähr haben sich in Italien auch so bedeutende internationale Ölkonzerne wie Shell, Texaco, Phillips-Petroleum, Elf und Conoco neben dreißig anderen Gesellschaften engagiert.

Während Steuern und Konzessionsabgaben an den Staat etwa in der Nordsee achtzig Prozent der Gesamteinnahmen verschlingen, fordert der italienische Staat nur fünf bis neun Prozent Abgaben und zusätzlich Gesellschaftssteuern. Außerdem besteht in Italien bereits ein ziemlich engmaschiges Netz von Gas- und Ölleitungen, so daß die Investitionen für Transporte relativ gering sind. Die Möglichkeiten zur Entdeckung vor allem kleiner, aber auch mittlerer Felder sind beträchtlich.

Die Deutsche Shell schätzt die Chancen so positiv ein, daß sie innerhalb der nächsten sechs Jahre 1,1 Milliarden Mark in Italien für die Ölsuche investieren wird. Die Shell hat zusammen mit der Agip in der mittleren Adria vor der italienischen Küste das Feld Gianna erschlossen, das nach vorsichtigen Schätzungen acht Millionen Tonnen Öl enthalten könnte. Davon würden 49 Prozent der Deutschen Shell zufließen.

Seit Kriegsende wurden in Italien 139 Öl- und Gasfelder entdeckt. Insgesamt wird aus 1300 Bohrlöchern gefördert. Im vergangenen Jahr flössen 2,3 Millionen Tonnen Erdöl aus heimischen Quellen, doch erwartet die Ölindustrie anhand der Aufschlüsse bereits nach drei Jahren eine Förderung von sechs Millionen Tonnen Öl. Bis 1990 soll ein Zehntel des jährlichen Erdölverbrauchs aus italienischen Quellen gedeckt werden. Die Erwartungen konzentrieren sich dabei vor allem auf die Bohrungen vor den Küsten. Während 1981 aus den in der Meerenge von Sizilien liegenden Feldem Nilde, Perla, Sarago und Rospo erst fünf Prozent der Gesamtförderung kamen, liefert das Meer jetzt bereits dreißig Prozent der italienischen Ölproduktion und wird 1987 mit dem Feld Vega, an dem die Agip mit zwei Fünfteln beteiligt ist, fünfzig Prozent erreichen.