Recklinghausen

Über dem Bett von Gaffar Abadin im Elisabeth-Krankenhaus in Recklinghausen hängt ein Bild des Ajatollah Chomeini. Auf dem Nachttisch liegt der Koran. Gaffar hustet ununterbrochen. Sein Gesicht ist verschwitzt. Er hat Schmerzen. Seine Augen sind entzündet und verklebt; er kann sie nur halb öffnen.

Gaffar Abadin, 22 Jahre alt, ist Iraner. Er hatte sich als Arbeitsloser freiwillig an die Front gemeldet und wurde bei einem irakischen Luftangriff Ende Februar durch Senfgas lebensgefährlich verwundet. Der Dolmetscher von der islamisch-iranischen Botschaft fragt ihn, ob er später wieder kämpfen will. Ja, natürlich, für die islamische Revolution wird er weiterkämpfen, wenn er gesund ist. Hat der Dolmetscher wirklich übersetzt oder nur die stereotype Floskel der Mullahs wiederholt? Egal – Gaffar konnte, solange jemand von der Botschaft dabei war, nichts anderes sagen.

Gaffar und seine Zimmergenossen sind still geworden. Sie singen nicht mehr patriotische Lieder, wie noch die Patienten im vorigen Jahr, die den Ärzten stolz Bilder vom Kriegsgeschehen zeigten. Sie akzeptieren inzwischen auch Frauen als Ärzte und Schwestern, die sie behandeln und pflegen, und auch Frauen von der Presse, die sie befragen und anschauen, wie mich. Sie verlangen aber, daß ich mir ein Kopftuch umbinde.

Gaffar ist einer von vierzehn iranischen Patienten, die mit Giftgasverletzungen in Recklinghausen behandelt wurden. Andere kamen nach München, nach England oder in die Schweiz. In Deutschland werden monatlich 60 bis 80 Iraner behandelt. Es sind Soldaten, die an der Front gekämpft haben; viele von ihnen sind Freiwillige, die nicht ausgebildet sind.

Warum schicken die Mullahs einige wenige von Tausenden verwundeter Kämpfer ins Ausland? Die Kosten für Flug, ärztliche Behandlung und Krankenhausaufenthalt sind schließlich sehr hoch.

Allein der Tagessatz im Krankenhaus in Recklinghausen beträgt etwa 300 Mark. „Nicht wegen einer besseren ärztlichen Versorgung. Es gibt im Iran genug gut ausgebildete Ärzte“, meint Professor Nosrat Firusian in Recklinghausen. Die Revolutionsregierung in Teheran benutze das Schicksal der Schwerverletzten zur politischen Demonstration. Die Inhumanität der Waffen, die der Irak einsetzt, solle zeigen, daß er der eigentliche Kriegstreiber ist.