Die Zentralbank zwang die Regierung zur Abwertung der Lira

Hans Tietmeyer wollte eigentlich am Freitag, dem 19. Juli am Nachmittag in den Urlaub fahren. Doch daraus wurde nichts. Die Italiener machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Völlig unerwartet braute sich im Laufe des Freitags das „Drama der Lira“ zusammen, wie der Corriere della Sera schrieb. Erst wurde die amtliche Kursfestsetzung für die Lira verschoben. Dann wurde bekannt, daß die staatliche Holdinggesellschaft ENI einen Auftrag zum Kauf von 130 Millionen Dollar gegeben hatte, und zwar zu jedem Preis. Der Kurs der Lira sackte ab, und auch durch Interventionen der italienischen Zentralbank war der Sturz nicht mehr aufzuhalten. Gegen 14 Uhr schloß der italienische Finanzminister die Devisenbörse.

Die Lira ist Bestandteil des Währungskorbes, aus dem sich die Europäische Währungseinheit, der Ecu, zusammensetzt. Italien nimmt außerdem an den Wechselkursvereinbarungen innerhalb des Europäischen Währungssystems (EWS) teil.

Deshalb war Hans Tietmeyer, der für Währungsfragen zuständige Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und Präsident des Währungsausschusses der Europäischen Gemeinschaft, in Zugzwang geraten. Er berief den Währungsausschuß für Samstag, den 20. Juli, nach Basel ein. Im Hause der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) war nach sieben Stunden alles klar – auch ohne Minister.

Die Lira wurde gegenüber dem alten Leitkurs um sechs Prozent abgewertet, während die Ecu-Leitkurse der übrigen Teilnehmerwährungen um zwei Prozent heraufgesetzt wurden. Diese, technischen Veränderungen entsprachen einer Abwertung der Lira um acht Prozent. Deutsche Touristen, die nach Italien fahren, bekommen für die gleiche Mark-Summe mehr Lira. Die italienischen Exporte in die EWS-Mitgliedsländer kommen in den Genuß von Preisvorteilen. Die italienischen Einfuhren, vor allem die lebensnotwendigen Ölimporte, werden teurer und heizen die Inflation im Lande weiter an.

Selbst die Fachleute waren überrascht. Keiner von ihnen hatte zu diesem Zeitpunkt mit einer solchen Blitzaktion gerechnet. Schließlich hatte die Zentralbank in Rom genügend Währungsreserven als Munition zur Stützung der Lira. Italien braucht auch keine Sorgen zu haben, daß ihm das Ausland den Kredithahn zudreht. Selbst ein Mitglied des BIZ-Direktoriums hatte sich noch am Donnerstag mit Lire eingedeckt.

Die Ereignisse waren nicht mit Naturgewalt über die italienische Zentralbank hereingebrochen. Noch im Juni hatte sie harte Währungen im Werte von knapp unter einer Milliarde Dollar gekauft und wäre für die Verteidigung des Leitkurses bestens ausgerüstet gewesen. Niemand glaubte daran, daß die lächerliche Summe von 130 Millionen Dollar den Sturzflug ausgelöst hatte. Als dann der Finanzminister auch noch die Devisenbörse während der Geschäftsstunden schloß (nach Ansicht von Experten kein seriöses Verfahren), begann sich der Verdacht zu regen, daß die Zentralbank dem Finanzminister eins auswischen wollte. Hinter vorgehaltener Hand würde in Basel von einem „durchsichtigen Manöver“ gesprochen. Die Zentralbank wollte die Regierung zum Handeln zwingen (siehe auch Seite 23).